Der Landwirt, der keiner sein wollte

Text von Mike Notermans
Fotos von David Hagemann

20150306_hagemann_0069Pascal Niessen aus Deidenberg sitzt in seinem kleinen Büro. An der Wand hängt ein Bild aus ­alten Tagen, das ihn gemeinsam mit seinem Vater Edgar zeigt. Durch zwei kleine Fenster kann der 25-Jährige direkt in den weiträumigen Laufstall seiner 120 Milchkühe blicken, die gerade insgesamt fast ein halbe Tonne Futter verspeisen. Aus der Silage steigt Dampf auf, der für die Landwirtschaft typische Geruch liegt in der Luft.
An seinem Rechner kontrolliert der Landwirt, ob jede seiner Holstein-Kühe auch gefressen und die nötige Menge an Milch abgegeben hat – modernste Melk- und Futtertechnik macht dies möglich. „Ohne wäre es nicht möglich, die vielen Arbeiten an nur einem Tag zu bewältigen oder Termine einzuhalten“, sagt Pascal Niessen.
Während er sich durch den Zahlen-Dschungel kämpft, hat Pascal bereits einige Stunden Arbeit hinter sich. Um 5.30 Uhr klingelt jeden Tag der Wecker. Dann einfach im Bett zu bleiben oder zu trödeln, kann sich der junge Landwirt nicht leisten. Ob er müde ist oder einfach keine Lust hat, interessiert die mehr als 300 Milch- und Fleischkühe, die schon darauf warten, gefüttert und gemolken zu werden, nicht. In Zeiten, in denen immer mehr Bauernhöfe geschlossen werden müssen, weil sich unter anderem kein passender Nachfolger finden lässt, hat sich der 25-Jährige ganz bewusst für den Beruf des Landwirts entschieden und stellt so eine Seltenheit dar. Dass er mit 25 Jahren selbstständig einen landwirtschaftlichen Betrieb führt, war für Pascal Niessen lange Zeit schlichtweg undenkbar. „Die Arbeit auf dem Hof meines Vaters hat mir immer viel Spaß gemacht. Trotzdem wollte ich früher alles andere als Landwirt werden und habe beispielsweise recht oft über einen Beruf im Bankwesen nachgedacht.“

20150306_hagemann_0061Der Tod seines Großvaters löste bei dem Schüler allerdings ein Umdenken aus. „Weil gerade in der Landwirtschaft Hand in Hand gearbeitet werden muss und das Verhältnis zwischen Vater und Sohn gerade deshalb eine große und immens wichtige Rolle spielt, hat mein Vater sehr mit diesem Verlust gekämpft und wollte die Milchwirtschaft komplett aufgeben“, erzählte der Junglandwirt.
Damit es nicht so weit kommt, schlug Niessen einen anderen Berufsweg ein. Weg vom Schreibtisch, raus aus den mausgrauen Büros und rein in den Betrieb seines Vaters. Mit dem neuen Ziel vor Augen, absolvierte Niessen sein Abitur an der Agronomie-Abteilung der Bischöflichen Schule in St.Vith. Im Anschluss arbeitete er für ein halbes Jahr im Außendienst eines Unternehmens aus Luxemburg. „Danach war mir endgültig klar, dass ich eine Arbeit will, bei der mir niemand meinen Tagesablauf vorschreibt“, so Niessen.
Ganz weg vom richtigen und gekonnten Spiel mit Zahlen, Statistiken oder Quoten ist der Landwirt aber auch nach seiner beruflichen Umorientierung nicht. Dass moderne Landwirte in gewisser Weise auch Manager sind, bestätigt das Beispiel von Pascal Niessen. Die immer wieder schwankenden Milchpreise bereiten dem Deidenberger Kopfzerbrechen – wie vielen anderen auch. „Ich muss alles ganz genau berechnen, nötige Investitionen richtig einschätzen und über alles nachdenken. Aber ich mag Herausforderungen“, sagt er.

20150306_hagemann_0030Neben seinen Eltern, die ihren Sohn unterstützen, wo sie nur können, spielt Pascals Freundin Nathalie eine wichtige Rolle im Leben des Hobbyfußballers im Dienste des KFC Amel. Als Pascal seine künftige Freundin kennenlernte, verschwieg er ihr seinen ungewöhnlichen Beruf. „An dem Wort ‚Landwirt‘ haften eben sehr viele Vorurteile. Das liegt wahrscheinlich an der Tatsache, dass viele Menschen einfach kein Verständnis mehr für den Beruf haben und sich nicht dafür interessieren, wo unsere Nahrung eigentlich her kommt“, so Niessen. „Deshalb habe ich mich erstmal als Schreiner ausgegeben“, erzählt er mit einem schelmischen Lächeln im Gesicht. Durch eine Bekannte erfuhr seine jetzige Freundin von dem tatsächlichen Beruf des leidenschaftlichen Karnevalisten „Ich muss schon sagen, dass ich wirklich eine tolle Freundin habe. Obwohl sie wegen meiner Arbeit oft zurückstecken muss, akzeptiert sie mich und meinen Beruf.“
Der größte Nachteil an dem Beruf des Landwirten sei die Tatsache, dass man ständig an Zeiten gebunden ist, erzählt Pascal. „Wenn meine Freunde im Sommer am See ‚chillen‘, muss ich zum Melken zurück auf den Hof. Aber wenn man einmal mit der Arbeit begonnen hat, denkt man nicht mehr an die negativen Seiten. Ich finde ohnehin, dass die positiven Seiten deutlich überwiegen.“
Während er über seinen Hof spaziert, sieht man dem Landwirt an, dass er stolz auf das Erreichte und glücklich darüber ist, es allen Skeptikern, Kritikern und vielleicht auch alle Neidern gezeigt zu haben. „Heute“, sagt er, „würde ich alles wieder genau so machen.“

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