In Finnland die Kunst der Holzboote entdecken

Am Robert-Schuman-Institut (RSI) hat für viele Schüler in der vergangenen Woche die zweiwöchige Praktikumszeit begonnen. Seit einigen Jahren können durch Europäische Programme, wie das aktuelle Erasmus+-Programm, auch Auslandspraktika für die Abschlussjahrgänge angeboten werden. Milo Munnix (18) aus dem siebten Jahr der Bauschreiner-Abteilung hat sich für ein Praktikum in Finnland entschieden und baut noch bis zum 1. April in Savonlinna Holzboote.

Von Griseldis Cormann

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Aus Savonlinna hat Milo uns ein Bild zukommen lassen, wo man konzentriert bei der Arbeit am Boot sieht. (Foto: privat) Dabei waren auch seine ersten Eindrücke. Diese liest du hier unten auf der Seite.

„Haben Sie einen Fuß auf russischen Boden gesetzt?“, fragte Milo Munnix im vierten Jahr seine Deutschlehrerin Dunja Kockartz. „Leider nein, dafür braucht man ein Visum“, antwortete seine Lehrerin vor drei Jahren, als sie von ihrem einwöchigen Aufenthalt zur Unterstützung der Austauschschüler zurückgekehrt war. Sie hatte zuvor von Savonlinna im Südosten Finnlands an der Russischen Grenze geschwärmt. „Frau Kockartz hat viel erzählt und das hat mich damals schon sehr interessiert. Eigentlich war seitdem klar, dass ich auch ein Auslandspraktikum machen werde – jetzt fliege ich nach Savonlinna. Irgendwie lustig“, findet Milo kurz vor seiner Abreise. Das war am 12. März.

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Milo (3.v.l.) mit seinen Mitschülern im siebten Jahr der Bauschreinerabteilung und seinem Lehrer Pascal Mullenders (1.v.r.) in der Eupener Werkstatt vor der Abreise. Foto: Griseldis Cormann

Milo ist seit vielen Jahren der erste Schreiner, der Interesse für ein Auslandspraktikum angemeldet hat. Dass er nun wirklich drei Wochen in Finnland arbeitet, hat er zudem seinem Ehrgeiz und seiner Leistungsbereitschaft zu verdanken. Denn die Vorbereitung des Praktikums ist zu Beginn des Schuljahres mit Arbeit verbunden: Im September musste eine Bewerbung in zwei Sprachen eingereicht werden, in Deutsch und Englisch, die Fachlehrer berichteten über die fachliche Entwicklung der Bewerber, alle Bewerber folgten dann ab Oktober mittwochsnachmittags einem Sprachkurs und schließlich kamen bis kurz vor der Abreise fast wöchentliche Treffen mit der RSI-Erasmus+-Koordinatorin Rita Pavonet hinzu. Jedes Jahr absolvieren 16 bis 25 Schüler des RSI ihr Praktikum im Ausland. In diesem Schuljahr sind es 18.

Wir haben ja schon Praktika und Ferienjobs in Ostbelgien absolviert. Da genügte meistens ein Anruf, ein Treffen und man hatte die Stelle“, erzählt Milo. Diesmal hat er eine vollständige schriftliche Bewerbung abliefern müssen. „Ich bin froh, dass ich eine Übersetzerin in der Familie habe“, fügt er hinzu. Denn Englischunterricht hatte er bis dahin nur auf freiwilliger Basis ein Jahr lang in der Abendschule mit zwei Freunden absolviert. Anders als dort, habe mittwochs bei Englischlehrerin Julia Trost das Sprechen an erster Stelle gestanden, um sich im Alltag zurechtfinden zu können. Der Fachwortschatz wurde in kleinen Fachgruppen selbst erarbeitet, zum Beispiel hat Milo mit den Bauzeichnern zusammengearbeitet.

In Savonlinna sind neben Milo die zwei Bauzeichner Michael Hoch und Tim Seitz und der Biochemiker Philipp Scheiff dabei. Alle arbeiten sie an unterschiedlichen Orten, bei einem Architekten, in einem Unternehmen oder in einer Schule. Gemeinsam wohnen sie in einem Hostel und müssen sich selbst verpflegen. Milo ist froh, dass einer der beiden Begleitlehrer, die eine Woche lang bleiben, auch sein Holzfachlehrer Pascal Mullenders ist: „Es ist gut, einen Ansprechpartner zu haben, wenn man mal gar nicht weiter weiß“, erklärt Milo.

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Milo ist froh, dass in der ersten Woche auch sein Lehrer Pascal Mullenders mit nach Finnland reist: „Wenn man mal gar nicht weiter weiß, hat man zumindest einen direkten Ansprechpartner“, sagte er vor der Abreise. Foto: Griseldis Cormann

Milo hat bislang noch nie ein Holzboot gebaut. Aber mit seiner Erfahrung in der Holzverarbeitung glaubt er, am Bau des Bootes gut mitwirken zu können: „Stolz bin ich auf meinen großen Kleiderschrank mit Schiebetüren, den ich selbst geplant und gebaut habe, auf meine Kommode und die Barhocker. Aktuell baue ich einen Stuhl mit Armlehnen für meine Schwester – meine einzige Vorlage war ein Foto. In den Ferien war ich bei dem Orgelbauer Schumacher, das hat mir auch sehr gut gefallen“, zählt Milo auf. Er ist froh, dass die Lehrer allesamt sehr offen und neugierig sind für die Ideen der Schüler. So habe ein Mitschüler dieses Schuljahr ein Snowboard bauen dürfen. Aber ein Boot hat noch nie jemand bauen wollen: „Die Holzverarbeitung habe ich gelernt. Ich bin mal gespannt, was man speziell beim Bootsbau beachten muss. Und auch, ob es traditionelle Arbeitsweisen gibt, die sich von unseren unterscheiden. Wenn ich etwas Neues lernen würde, wäre das schon cool“, fasst Milo, der mit dem Abschluss des sechsten Jahres den Gesellenbrief erhalten hat, seine Erwartungen zusammen.

Aber eine Sache sei definitiv nicht anders. Nämlich, dass die Schule auch Auftäge aus der Privatwirtschaft annimmt, die Schüler Pläne und Preise berechnen und das Produkt letztlich fertigen. Dem theoretischen Unterricht werde er auf Finnisch nicht folgen. Dabei sieht Koordinatorin Pavonet es als einen Vorteil, die drei Praktikumswochen in einem Land zu verbringen, in dem Englisch auch Fremdsprache ist: „Sie haben mehr Verständnis, sprechen auch mal langsamer und wissen sich auch mit Händen und Füßen zu verständigen.“

Milo glaubt das Fußballspielen in Finnland zu vermissen, weil in Belgien wichtige Saisonspiele anstehen. Aber er freut sich, neue Freizeitmöglichkeiten auprobieren zu können: „Ich könnte Eislaufen lernen, Eisschwimmen mal testen – das kennt man von den Finnen doch nach der Sauna.“ Und dann schaut Milo noch weiter voraus: „Diese drei Wochen sind mein Test, ob ein Auslandsjahr für mich etwas wäre. Wenn ich Ostbelgien jetzt schon sehr vermisse oder ich mich nicht zurechtfinde, ist es vielleicht keine gute Idee, nach der Schule länger ins Ausland zu gehen.“

Milos erste Eindrücke aus Savonlinna

Seitdem wir hier sind, hat es noch nicht geschneit. Aber noch vor drei Wochen war es wohl so richtig kalt. So um die minus 30 Grad, mit viel Schnee. Und den sieht man immer noch, bergeweise. In Savonlinna fahren sie den Schnee mit Lastwagen und Bagger weg. Das kannte ich noch nicht. Ansonsten hatten wir an unserem zweiten Tag die Ehre das Nationalgericht `Porridge´ zu probieren. Das ist eine Art Haferbrei. Eigentlich lecker, dachten wir. Noch mit Besteck im Mund schauten wir uns dann alle an – es hat nicht geschmeckt, keinem von uns. Neben der täglichen Arbeit am Boot möchte ich in den verbleibenden zwei Wochen auf jeden Fall noch an die russische Grenze fahren, von der Frau Kockartz damals so viel erzählt hat. Erstaunlich finde ich, dass man im Alltag nicht merkt, dass sich die Grenze in der Nähe beendet. Russisch wird nicht gesprochen.

 

 

 

 

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