„Interstellar“, ein überwältigendes Science-Fiction-Epos

Christopher Nolan greift nach den Sternen: In „Interstellar“ erzählt der Regisseur von einer hochdramatischen Reise in eine fremde Galaxie.

Von Matthias von Viereck, dpa

Kinostart - "Interstellar"

Foto: dpa

Das Genre des Science-Fiction-Kinos ist geradezu beseelt von der Sehnsucht nach fremden, nach weit entfernten Welten. Selten aber war diese Suche mit so vielen Hoffnungen und Erwartungen verbunden wie in „Interstellar“, dem neuen Geniestreich von Regisseur Christopher Nolan. Es geht um nicht weniger als das Überleben der Menschheit. Nolan hat dafür eine prominente Besetzung, von Anne Hathaway über Matthew McConaughey und Jessica Chastain bis zu Michael Caine, zusammengetrommelt. Als kleine Überraschung tritt schließlich auch noch Matt Damon auf. Das Drehbuch zu „Interstellar“ hat Nolan erneut, wie schon bei einigen anderen Filmen, zusammen mit seinem Bruder Jonathan Nolan verfasst.

Sandstürme, immer wieder Sandstürme. Nolan macht schnell deutlich, dass es schlecht steht um die Erde und ihre Bewohner. Auch Cooper (McConaughey) versucht als Bauer seinen Beitrag zum Überleben unserer Spezies zu leisten, früher mal hat der Witwer und Vater zweier Kinder als Ingenieur und Weltraumpilot gearbeitet. In Zeiten von globaler Nahrungsknappheit sind Farmer viel gefragter als Astronauten. Im Geheimen aber hat die Nasa weitergemacht, und Cooper soll nun helfen, als Leiter einer Weltraum-Mission: „Suchen Sie uns eine neue Heimat!“.

Mittels eines Wurmloches beim Planeten Saturn soll Coopers Team, so der Plan von Professor Brand (Caine), in ein fernes Sternensystem gelangen. Brands Tochter (Hathaway) unterstützt ihn bei der Suche nach einer zweiten Erde. Cooper steht vor der Entscheidung seines Lebens: Bleibt er bei seinen Kindern oder begibt er sich auf eine mehrjährige, höchst gefährliche Reise?

2012 hat Nolan mit „The Dark Knight Rises“ seine Batman-Trilogie abgeschlossen, nun greift der Regisseur nach den Sternen. „Interstellar“ ist eine Tour de Force mit vielen poetischen Momenten, in deren Mittelpunkt mit Ingenieur Cooper ein veritabler Überlebenskünstler und liebevoller Vater steht. McConaughey schmeißt sich mit Verve in seine Rolle; in bester amerikanischer Tradition ist sein Cooper besessen vom Entdecken neuer Welten. „Interstellar“ weist Parallelen auf zu Nolans verrätseltem Traum-Drama „Inception“. Und ist doch ganz anders. Was bei „Inception“ verschiedene Ebenen eines Traumes, das sind hier multiple Dimensionen.

Das Science-Fiction-Spektakel aber ist viel emotionaler und vielschichtiger: Nolan erzählt vom Überlebenstrieb des Menschen und dessen Egoismus, von der Kraft der Liebe. Wobei vor allem die Liebe Coopers zu seiner, unter anderem von Jessica Chastain verkörperten Tochter anrührt.

Der Film wurde diesmal nicht von Wally Pfister fotografiert, mit dem Nolan in allen seinen Filmen seit „Memento“ (2000) zusammengearbeitet hatte. Für die Kamera verantwortlich ist Hoyte van Hoytema („Her“). Gedreht wurde etwa auf Island; ob Staubsturm, die vielleicht größte Welle der Filmgeschichte oder all die interstellaren Wunder, die man zu sehen bekommt: Stets ist die Bildgestaltung von ausgesuchter Finesse.

Foto: dpa

Foto: dpa

Aber auch die kongeniale Tonkunst eines Hans Zimmer („Der König der Löwen“) ist zu erwähnen, die dazu beiträgt, dass einen „Interstellar“ so flugs in seinen Bann, ja bisweilen fast aus dem Kinosessel schlägt. Mal hypnotisch, mal donnernd und nur selten zu expressiv. Die Wirkmächtigkeit der Filmmusik wird hier ganz ausgespielt. Etwa in einer besonders schönen, nur mit feinen Klaviertönen unterlegten Sequenz, die das im Vergleich winzige Raumgefährt von Cooper und Co. vor den Ringen des Saturns zeigt. Nolan führt hier, wie auch an anderer Stelle, Klein und Groß, Laut und Leise virtuos zusammen.

165 Millionen US-Dollar (131 Mio. Euro) sollen die 169 Film-Minuten gekostet haben. Eine Investition, die sich mit großer Wahrscheinlichkeit an den Kinokassen rentiert. Und die sich auch in künstlerischer Hinsicht auszahlt. „Interstellar“ ist ein Gesamtkunstwerk, zusammengefügt aus den Ingredienzien großer Filme: tollen Darstellern, famoser Musik, einer so packenden wie bewegenden Story und nicht zuletzt Bildern von monumentaler Wucht.

Advertisements

Die ersten fünf Minuten von Stromberg

Bock auf die ersten fünf Minuten von Stromberg – Der Film? Hier entlang.

Wer Stromberg live erleben will, muss am 23. Februar ins Cineplex Aachen. Dort schauen Christoph Maria Herbst, Bjarne Mädel, Arne Feldhusen und Ralf Husmann auf Ihrer Promotiontour vorbei! Das ganze startet um 11:30 Uhr.

And the nominees are…

Am Donnerstag wurde bekanntgegeben, welche Filme es in die engere Auswahl für einen möglichen Oscar-Gewinn geschafft haben. Belgien schickt gleich zwei Filme ins Rennen.

Hier gibt es zum Trailer von „The Broken Circle Breakdown“. GE-Redakteur Patrick Bildstein hat sich diese Woche mit dem Regisseur des Filmes unterhalten. Hier lest ihr sein Interview.

Der zweite Film ist ein animierter Kinderspielfilm, der in Belgien, Frankreich und Luxemburg produziert wurde. Er heißt „Ernest et Celestine“ und muss sich gegen die (US-amerikanische) Übermacht bewähren. Die stellt sich nämlich aus „Die Eisprinzessin“, „Die Croods“ und „Ich – Einfach unverbesserlich 2“ sowie einem japanischen Anime-Film zusammen.

Tipp für den Mittwoch

Vorpremiere von AIDependence

Am Mittwochabend um 20 Uhr findet im Lütticher Kino Sauvenière die Vorpremiere zum Dokumentarfilm zweier Eupener statt, den wir in der SeptemberAusgabe des GEneration-Magazins ausführlich besprochen haben.

Haiti_12109Nun habt ihr am Mittwochabend die Möglichkeit, den überarbeiteten Film in voller Länge zu sehen und den Machern des Filmes, also Frederic Biegmann und Alice Smeets, konkrete Fragen zu stellen. Im Anschluss an den Film gibt es auch eine Debatte, u. a. Mit Jean-Pascal Labille, dem belgischen Minister für Entwicklungszusammenarbeit.

Mehr Infos: HIERHaiti_13140Haiti_12704Haiti_13140

 

AIDdependence – ein Dokumentarfilm aus Eupen schlägt hohe Wellen

Haiti_12109

Alle Jahre wieder kommt das Christuskind, doch bevor wir uns am reichgeschmückten Tannenbaum, am Festessen und den vielen Geschenken laben, hagelt es meistens Briefe. Briefe von weltweiten Hilfsorganisationen, die uns daran erinnern, dass es Menschen in unserer Welt gibt, die es schwerer haben als wir – Menschen, die nicht auf unserer liebgewonnenen Konsumwelle reiten und um ihr tägliches Überleben kämpfen müssen. Vulkanausbrüche, Überflutungen und andere Naturkatastrophen in den Krisenregionen tun ihr Übriges, und wir bekommen ein schlechtes Gewissen. Und weil wir uns daran erinnern, dass Weihnachten ja das Fest der Liebe ist, füllen wir den beiliegenden Überweisungsträger aus, spenden ein paar Euro und – siehe da – schmeckt uns die Weihnachtsgans gleich besser, und das schlechte Gewissen ist besänftigt.Vorerst zumindest. Irgendeiner bemitleidenswerten Familie in der dritten Welt wird das Geld schon zugute kommen, denn wir denken ja schließlich auch an andere Menschen und nicht nur an uns selbst.

Soviel zum allseits bekannten Teil der Nächstenliebe – aber was passiert denn wirklich mit dem Geld? Die Eupener Photojournalistin Alice Smeets und der Eupener Kameramann Fréderic Biegmann begaben sich auf die Reise nach Haiti und produzierten einen Dokumentarfilm, der kürzlich in Büllingen Premiere feierte. Wir erinnern uns: Jenes krisengeschüttelte Armenhaus in der Karibik, dass regelmäßig von Erdbeben heimgesucht wird und dessen Hauptstadt Port-au-Prince immer den letzten Platz belegt, wenn die Agentur Mercer die Lebensqualität von Großstädten bewertet. Zum Vergleich: Wien und Düsseldorf belegen hier seit Jahren Plätze in den Top Five. Doch was Smeets und Biegmann unternahmen, war keine einfache journalistische Reise: „Viele Journalisten reisen um die ganze Welt und berichten über Länder, die sie gar nicht so genau kennen“, erklärt Alice Smeets, „und das Wichtigste, um diesen Dokumentarfilm zu machen, war es, über ein halbes Jahr vorher in Haiti zu leben und das Land und die Menschen dort zu erleben“, fügt Fréderic Biegmann hinzu. Den beiden Eupenern, die während dieser Zeit aktive Hilfe leisteten und sogar Einheimische zu professionellen Photographen ausbildeten und somit aus der Armut in feste Beschäftigungsverhältnisse verhalfen, fiel besonders die Arbeit der zahlreichen Hilfsorganisationen ins Auge. Hilfsorganisationen mit einem Jahresbudget von mehreren hundert Millionen Euro – also jenes Geld, das von Spendern der westlichen Wirtschaftsländer stammt – wurden zum Hauptthema ihres Films „AIDdependence“. Der Zuschauer des Films, der von der Eupener Produktionsfirma Neophileas produziert und von David Mollers, einem der Inhaber von Neophileas geschnitten wurde, wundert sich zunächst über die starken Kontraste der Bilder.

Haiti_00215Hier gibt es zum einen ein karibisches Paradies mit Sandstränden, wie man sie sonst nur Reiseprospekten sieht, dort an selber Stelle, fallen Slums in Auge, die fast nur aus Wellblechhütten und riesigen Müllbergen zu bestehen scheinen. Auf der einen Seite sieht man hungernde Menschen auf der anderen Seite die prächtigen Bauten der Hilfsorganisationen – gerade so, als gehörten diese beiden Welten gar nicht zusammen. Wiederum sieht man Menschen mit dringend behandlungsbedürftigen, körperlichen Gebrechen und auf der anderen Straßenseite ein hochmodernes Krankenhaus mit modernster medizinischer Ausstattung – jedoch menschenleer. „Das Problem ist“, so Adrian Küchenberg von Neophileas, „dass Hilfsorganisationen eigentlich danach streben müssten, den Menschen wieder auf die Beine zu helfen und sich selbst damit auf lange Sicht überflüssig zu machen. Aber das passiert nicht, als gewinnorientierte Unternehmen, arbeiten sie für den eigenen Fortbestand, und hilfsbedürftige Menschen bleiben weiterhin in Abhängigkeit.“ Dem Kinobesucher bleibt der Eindruck, als würden Spendengelder wahllos über die karibische Insel verstreut: hier gibt es neue Krankenhäuser, dort neue Straßen, an anderer Stelle prächtige neue Schulgebäude; und doch ist alles menschenleer und dem sofortigen Verfall preisgegeben.

Haiti_04842Die Bilder in AIDdependence sind ergreifend, und während der Zuschauer sich durch diesen wirklich hochwertig produzierten sowie gut recherchierten Dokumentarfilm geistig bereichert sieht, bleibt uns die Frage: Was nun? Sollen wir jetzt nicht mehr spenden? Dies ist zumindest nicht die Intention von AIDdependence, in dem sympathischerweise nicht der mahnende Zeigefinger erhoben wird. Auch werden echte Helfer gezeigt, die mit großem persönlichem Einsatz und ohne große Mittel aktive Hilfe zur Verbesserung der Lebensumstände der haitianischen Bevölkerung durch eigenverantwortliches Handeln beitragen. Einfach nichts mehr zu spenden kann folglich auch nicht die Antwort auf unsere Frage sein. Doch vielleicht besteht die Lösung ja darin, sich intensiver mit dem Schicksal hilfsbedürftiger Menschen zu beschäftigen, um mehr Wissen darüber zu erlangen, wie und wo Hilfe sinnvoll eingesetzt werden kann. Vielleicht ist tatsächlich persönlicher Einsatz mehr gefragt, als das einfache Ausfüllen eines Spendenschecks? Diesen Eindruck hat zumindest der Zuschauer von AIDdependence. Und wer weiß, vielleicht schmeckt dann die heimische Weihnachtsgans noch ein ganzes Stück besser – auch ohne faden Nachgeschmack.

Text: René BlancheHaiti_00118

Haiti_00524