Tipp für den Mittwoch

Vorpremiere von AIDependence

Am Mittwochabend um 20 Uhr findet im Lütticher Kino Sauvenière die Vorpremiere zum Dokumentarfilm zweier Eupener statt, den wir in der SeptemberAusgabe des GEneration-Magazins ausführlich besprochen haben.

Haiti_12109Nun habt ihr am Mittwochabend die Möglichkeit, den überarbeiteten Film in voller Länge zu sehen und den Machern des Filmes, also Frederic Biegmann und Alice Smeets, konkrete Fragen zu stellen. Im Anschluss an den Film gibt es auch eine Debatte, u. a. Mit Jean-Pascal Labille, dem belgischen Minister für Entwicklungszusammenarbeit.

Mehr Infos: HIERHaiti_13140Haiti_12704Haiti_13140

 

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AIDdependence – ein Dokumentarfilm aus Eupen schlägt hohe Wellen

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Alle Jahre wieder kommt das Christuskind, doch bevor wir uns am reichgeschmückten Tannenbaum, am Festessen und den vielen Geschenken laben, hagelt es meistens Briefe. Briefe von weltweiten Hilfsorganisationen, die uns daran erinnern, dass es Menschen in unserer Welt gibt, die es schwerer haben als wir – Menschen, die nicht auf unserer liebgewonnenen Konsumwelle reiten und um ihr tägliches Überleben kämpfen müssen. Vulkanausbrüche, Überflutungen und andere Naturkatastrophen in den Krisenregionen tun ihr Übriges, und wir bekommen ein schlechtes Gewissen. Und weil wir uns daran erinnern, dass Weihnachten ja das Fest der Liebe ist, füllen wir den beiliegenden Überweisungsträger aus, spenden ein paar Euro und – siehe da – schmeckt uns die Weihnachtsgans gleich besser, und das schlechte Gewissen ist besänftigt.Vorerst zumindest. Irgendeiner bemitleidenswerten Familie in der dritten Welt wird das Geld schon zugute kommen, denn wir denken ja schließlich auch an andere Menschen und nicht nur an uns selbst.

Soviel zum allseits bekannten Teil der Nächstenliebe – aber was passiert denn wirklich mit dem Geld? Die Eupener Photojournalistin Alice Smeets und der Eupener Kameramann Fréderic Biegmann begaben sich auf die Reise nach Haiti und produzierten einen Dokumentarfilm, der kürzlich in Büllingen Premiere feierte. Wir erinnern uns: Jenes krisengeschüttelte Armenhaus in der Karibik, dass regelmäßig von Erdbeben heimgesucht wird und dessen Hauptstadt Port-au-Prince immer den letzten Platz belegt, wenn die Agentur Mercer die Lebensqualität von Großstädten bewertet. Zum Vergleich: Wien und Düsseldorf belegen hier seit Jahren Plätze in den Top Five. Doch was Smeets und Biegmann unternahmen, war keine einfache journalistische Reise: „Viele Journalisten reisen um die ganze Welt und berichten über Länder, die sie gar nicht so genau kennen“, erklärt Alice Smeets, „und das Wichtigste, um diesen Dokumentarfilm zu machen, war es, über ein halbes Jahr vorher in Haiti zu leben und das Land und die Menschen dort zu erleben“, fügt Fréderic Biegmann hinzu. Den beiden Eupenern, die während dieser Zeit aktive Hilfe leisteten und sogar Einheimische zu professionellen Photographen ausbildeten und somit aus der Armut in feste Beschäftigungsverhältnisse verhalfen, fiel besonders die Arbeit der zahlreichen Hilfsorganisationen ins Auge. Hilfsorganisationen mit einem Jahresbudget von mehreren hundert Millionen Euro – also jenes Geld, das von Spendern der westlichen Wirtschaftsländer stammt – wurden zum Hauptthema ihres Films „AIDdependence“. Der Zuschauer des Films, der von der Eupener Produktionsfirma Neophileas produziert und von David Mollers, einem der Inhaber von Neophileas geschnitten wurde, wundert sich zunächst über die starken Kontraste der Bilder.

Haiti_00215Hier gibt es zum einen ein karibisches Paradies mit Sandstränden, wie man sie sonst nur Reiseprospekten sieht, dort an selber Stelle, fallen Slums in Auge, die fast nur aus Wellblechhütten und riesigen Müllbergen zu bestehen scheinen. Auf der einen Seite sieht man hungernde Menschen auf der anderen Seite die prächtigen Bauten der Hilfsorganisationen – gerade so, als gehörten diese beiden Welten gar nicht zusammen. Wiederum sieht man Menschen mit dringend behandlungsbedürftigen, körperlichen Gebrechen und auf der anderen Straßenseite ein hochmodernes Krankenhaus mit modernster medizinischer Ausstattung – jedoch menschenleer. „Das Problem ist“, so Adrian Küchenberg von Neophileas, „dass Hilfsorganisationen eigentlich danach streben müssten, den Menschen wieder auf die Beine zu helfen und sich selbst damit auf lange Sicht überflüssig zu machen. Aber das passiert nicht, als gewinnorientierte Unternehmen, arbeiten sie für den eigenen Fortbestand, und hilfsbedürftige Menschen bleiben weiterhin in Abhängigkeit.“ Dem Kinobesucher bleibt der Eindruck, als würden Spendengelder wahllos über die karibische Insel verstreut: hier gibt es neue Krankenhäuser, dort neue Straßen, an anderer Stelle prächtige neue Schulgebäude; und doch ist alles menschenleer und dem sofortigen Verfall preisgegeben.

Haiti_04842Die Bilder in AIDdependence sind ergreifend, und während der Zuschauer sich durch diesen wirklich hochwertig produzierten sowie gut recherchierten Dokumentarfilm geistig bereichert sieht, bleibt uns die Frage: Was nun? Sollen wir jetzt nicht mehr spenden? Dies ist zumindest nicht die Intention von AIDdependence, in dem sympathischerweise nicht der mahnende Zeigefinger erhoben wird. Auch werden echte Helfer gezeigt, die mit großem persönlichem Einsatz und ohne große Mittel aktive Hilfe zur Verbesserung der Lebensumstände der haitianischen Bevölkerung durch eigenverantwortliches Handeln beitragen. Einfach nichts mehr zu spenden kann folglich auch nicht die Antwort auf unsere Frage sein. Doch vielleicht besteht die Lösung ja darin, sich intensiver mit dem Schicksal hilfsbedürftiger Menschen zu beschäftigen, um mehr Wissen darüber zu erlangen, wie und wo Hilfe sinnvoll eingesetzt werden kann. Vielleicht ist tatsächlich persönlicher Einsatz mehr gefragt, als das einfache Ausfüllen eines Spendenschecks? Diesen Eindruck hat zumindest der Zuschauer von AIDdependence. Und wer weiß, vielleicht schmeckt dann die heimische Weihnachtsgans noch ein ganzes Stück besser – auch ohne faden Nachgeschmack.

Text: René BlancheHaiti_00118

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