Zufluchtsort Friseursalon

Seit drei Jahren ist Murat* in Belgien. Der 18-Jährige ist mit seinen Eltern aus der Türkei geflüchtet. Momentan besucht Murat den Teilzeitunterricht des Robert-Schuman-Instituts in Eupen, um seinem großen Traum einen Schritt näher zu kommen: ein eigener Friseursalon. Doch dem ­fleißigen Jugendlichen werden Steine in den Weg gelegt.
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Text: Mario Vondegracht
Foto: David Hagemann
Murats ­Eltern stammen aus dem Libanon. Im Laufe des Bürgerkriegs, der von 1975 bis 1990 das Land verwüstet, flüchten die Familie in die Türkei, wo sie die türkische Staatsangehörigkeit annehmen. Doch das Land ist nur eine Durchgangsstation für die Großfamilie. Irgendwann landen sie in Steinfurt (Deutschland), wo Murats Vater anschließend einen Autohandel betreibt. Murat ist acht Jahre alt, als die Eltern im Jahr 2005 beschließen, von Steinfurt wieder in die Türkei zurückzukehren. Die Familie, mittlerweile sechsköpfig, will dort ein neues Leben beginnen.
Doch nach sieben Jahren Aufenthalt unweit der syrischen Grenze läuft irgendetwas schief. 2012 flüchtet die Familie wieder, diesmal mit dem Ziel Belgien. „Über diese Reise will ich nicht reden“, sagt Murat, der seit wenigen ­Wochen 18 Jahre alt ist. In Brüssel stellt die Familie, die zwischenzeitlich Nachwuchs erhalten hat, einen Asylantrag. Das Verfahren läuft immer noch und hält die ganze Familie tagein tagaus in Atem. Die drei großen Schwestern sind verheiratet. Ihre Zukunft ist genauso gesichert wie jene des großen Bruders, der die deutsche Staatsangehörigeit annehmen konnte. Murat und sein elfjähriger Bruder, der in Lontzen zur Schule geht, wohnen mit ihren Eltern nach der Ankunft in Brüssel zunächst in einem Asylbewerberheim des Roten Kreuzes. Die Familie bezieht ein einziges Zimmer. „Immer noch besser als ein Einzelzimmer“, sagt Murat: „Man weiß nie, was da in einem Heim für Personen herumlaufen.“ Sechs Monate vergehen, bis die Asylbewerberbehörde der Familie eine kleine Wohnung in der Nähe von ­Lüttich zur Verfügung stellt. Schön ist es dort aber nicht. Murat geht dort zur Schule, doch er versteht kein Wort. Murat kann Türkisch und Deutsch, Französisch ist ihm aber völlig fremd. Als die Familie nach Herve umzieht, besteht Murat darauf, in Eupen zur Schule zu gehen. Er entscheidet sich für den Teilzeitunterricht am Robert-Schuman-Institut. „Ich wollte arbeiten“, so der junge Türke: „Mein Traum? Ich möchte Friseur werden und einen eigenen Salon haben.“ Dafür absolviert Murat jede zweite Woche sein Praktikum bei einem Friseur in der DG.
Abends kommt Murat erst gegen neun Uhr in sein neues Zuhause. Die Sozialwohnung, in der ein Gemisch aus Arabisch, Türkisch und Deutsch gesprochen wird, hat die Migranten-­Familie vor einigen Wochen in ­Herbesthal bezogen. „Ich treffe mich beispielsweise noch abends mit einem Freund und wir gehen etwas spazieren“, sagt der Praktikant, der in diesem Land noch nicht ganz angekommen ist. Aufgrund seines Status‘ darf er zum Beispiel keinen Führerschein machen. Ob er nach dem Sommer, wenn seine schulische Laufbahn endet, eine Ausbildung ­beginnen darf, ist unklar. Das gilt auch für seine Eltern, die derzeit ebenfalls nicht arbeiten (dürfen). „Falls das Unaussprechliche  eintreffe, dann weiß ich nicht, was ich tun soll“, sagt Murat. In Belgien gefällt es ihm auf jeden Fall sehr gut. Murat, der abends gerne Fernsehen schaut und nicht so oft auf Facebook abhängt („Zeitverschwendung“), sagt: „Ich habe mich an mein Leben hier gewöhnt.“
„Murat ist ein fleißiger Junge, der respektvoll und freundlich mit den Kunden ist“, sagt der Inhaber des Friseursalons, in dem Murat seit fast anderthalb Jahren Praktikant ist. „Als wir der Lehrerin gesagt haben, dass wir gerne einen Schüler aufnehmen, wussten wir nicht, dass Murat dieser Junge ist und dass er Türkisch spricht“, so der Friseur. Mittlerweile sei er wie ein „Bruder“, ein Teil der Familie.
Murat kommt derweil im Gespräch mit Kunden mit vielen Lebensweisheiten um die Ecke. Sie lauten: „Du brauchst nur einen guten Freund und nicht hundert Bekannte“ oder „Das Leben besitzt keine Garantie“. Wenn man Murat zuhört, merkt man, dass er viel durchgemacht haben muss. Er wirkt reifer, er könnte locker 25 Jahre alt sein. Ob ihm das nun weiterhilft, steht in den Sternen. Oder in einem von Paragraphen überhäuften Papier in einem tristen Büro der Brüsseler Asylbehörde.

*Der Name wurde von der Redaktion ­geändert

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Wie werde ich Pilot? Xavier Schumacher aus Bütgenbach weiß es

Von Griseldis Cormann
 

Seit einem Jahr absolviert ­Xavier Schumacher aus Bütgenbach eine 22-monatige Pilotenausbildung in Charleroi. An der Belgian Flight School lernt der 19-Jährige ausschließlich in englischer Sprache. Am Flugplatz der Feuervögel in Büllingen sprach er über die Voraussetzungen einer Pilotenausbildung, seine Erfahrungen, seine Ziele und die kürzlichen Flugzeugkatastrophen.

Xavier Schumacher IISie haben den Flugplatz der „Feuervogel Büllingen“ als Treffpunkt ausgesucht. Warum?
Ich wollte schon immer Pilot werden. Hier habe ich vor drei Jahren bei der Theorieausbildung reingeschnuppert. Es ging um Basics wie Wetter und Navigation. Dann habe ich erstmal mein Abitur gemacht.

Das Abitur ist die Voraussetzung, um Pilot zu werden. Was sollte man noch mitbringen oder sich im Vorfeld aneignen?
Für die Aufnahmeprüfung sind vor allem Physik, Mathe und Koordination wichtig. Ich habe mich einen Monat auf den einen Aufnahmetest vorbereitet. Er hat vier Stunden gedauert. Und ohne Englisch geht gar nichts. Davor hatte ich ehrlich gesagt etwas Respekt. In der Pater-Damian-Schule in Eupen hatte ich aber „Englisch stark“. Deshalb hat es auch geklappt. Im Anschluss kam ein medizinischer Test. Es wurden insgesamt zehn Übungen nur für die Augen durchgeführt. Es ging u. a. um die Reaktionsfähigkeit, das Erkennen von Buchstaben aus mehreren Metern Entfernung. Ein Bluttest wurde auch gemacht. Viele glauben, dass es ein Problem sei, Brillenträger zu sein; bei Linienpiloten ist das allerdings nicht der Fall. Auf jeden Fall gehört zur Ausbildung eine gehörige Portion Motivation, einfach mal hineinschnuppern, ist hier nicht wirklich möglich.

Haben Sie im Vorfeld überlegt, woanders der Ausbildung zu folgen?
Bei der Lufthansa waren erst 2015 wieder Plätze frei. Manche arbeiten in der Übergangsphase als Stewardess oder so. Ich wollte aber nicht warten. Den Kompaktkurs an der Belgian Flight School mache ich, weil ich mich kenne und gerne auch mal etwas schleifen lasse. Außerdem ist meine Ausbildung weniger wetterabhängig. Im modularen Kurs werden die Flugstunden in unseren Breitengraden angeboten, im Kompaktkurs kann man wählen, die Stunden auch in Florida, also in den USA zu absolvieren. Dies verzögert die Ausbildung nicht. Dort ist immer gutes Wetter, bis auf einige kurzweilige Wirbelstürme.
Dieser Kurs ist allerdings hart. Man hat den ganzen Tag Unterricht. Abends muss der Stoff täglich wiederholt werden, ansonsten entstehen zu große Mängel. Ich persönlich stehe aber lieber morgens Früh um vier Uhr auf, um zu lernen. Ich gebe 150 Prozent, um meinen Berufswunsch zu verwirklichen. Ein schöner Nebeneffekt ist es bei so wenig Zeit, dass ich mich richtig aufs Feiern freue, dort sollte man dann auch 150 Prozent geben.

Wann dürfen Sie das erste Mal ein Flugzeug fliegen?
Nach acht Monaten habe ich die Airline Transport Pilot Licence erlangt. Meinen praktischen Teil absolviere ich dann für fünf bis sechs Monate in Orlando, wo ich zum größten Teil lerne, einen Trainingsflieger zu steuern, nachdem ich etliche Stunden im Simulator geübt habe. Nach erfolgreichem Abschluss erhalte ich eine Private Pilot License. Nach meiner Rückkehr in Belgien werde ich zum ersten Mal nur auf Fluginstrumente fliegen, sodass ich nicht mehr auf schönes Wetter und gute Sicht angewiesen bin. Hier sammele ich erste Erfahrungen mit zwei Propeller-Maschinen. Im Anschluss erfolgt weiteres Üben von Notfallsituationen, die Commercial Pilot License und Kommunikationsübungen in einem richtigen Cockpit. Bei den Notfallsituationen wird zum Beispiel gezeigt, wie ich mich bei einem Motorausfall zu verhalten habe: Ruhe bewahren, den Flieger unter Kontrolle halten usw.

Welche praktischen Erfahrungen haben Sie denn bisher?
Bisher bin ich mit Mitschülern, die schon weiter in der Ausbildung sind, nach Lüttich oder Spa geflogen. In Ausnahmefällen und bei idealen Verhältnissen durfte ich hin und wieder das Steuerhorn übernehmen. Schon als kleines Kind habe ich mich für das Modellfliegen interessiert, es aber leider nie gemacht. Bei den Ultraleichtmaschinen bin ich bisher auch nur mitgeflogen.

Was sind Ihre großen Ziele und Wünsche im Pilotenberuf?
Zuerst einmal möchte ich Co-Pilot werden. Mein Wunsch ist es, irgendwann Captain eines A380 zu sein. Bis dahin ist es aber noch ein weiter Weg. Ich setze mir viele kleine Ziele, die sind schneller zu erreichen. Das rate ich jedem, der Pilot werden will. Als Belgier mit Englisch-, Deutsch- und Französischkenntnissen sollte ich allerdings überall Arbeit finden.

Welchen Rat geben Sie jungen Interessierten, für die die lange Zeit außerhalb der Heimat kein Problem ist?
Hohes Interesse, Durchhaltevermögen und viel Motivation. Die besagten 150 Prozent sind  wichtig. Ich bin bisher jeden Tag gerne zur Schule gegangen, anders als in der Sekundarschule. Wichtig ist auch, dass man während der Ausbildung und im Beruf Rückendeckung von der Familie erhält.

In letzter Zeit haben wir viel von Flugkatastrophen gehört. Abschüsse, Abstürze, eine Maschine ist gar verschwunden. Macht das einem angehenden Piloten nicht Angst?
Es bringt einen schon zum Nachdenken. Es gibt viele Thesen darüber, wie die Maschine verschwinden konnte. Vor einem Abschuss ist natürlich niemand sicher. Was der Absturz über Mali betrifft, das war wahrscheinlich ein Pilotenfehler. Ich denke, der Pilot hat das Wetter falsch eingeschätzt. Die korrekte Führung der Maschine und das Verstehen der Wetterdaten sind sehr wichtig. Bei Langstreckenflügen sind auch immer mehrere Piloten an Bord. Maximal vier Stunden fliegt man am Stück, dann sind Ruhestunden eingeplant. Wir werden in Charleroi jedendalls gut ausgebildet. Es gibt Extrakurse, in denen Unfälle besprochen werden. Bei Flugzeugunfällen sind zwar immer viele Personen direkt betroffen. Es bleibt aber das sicherste Verkehrsmittel überhaupt.

Können Sie sich vorstellen, bei den Feuervögeln in Büllingen in Ihrer Freizeit zu fliegen?
Viele Linienpiloten fliegen in ihrer Freizeit mit Ultraleichtmaschinen oder Segelflugzeugen. Es ist ein Ausgleich zum Fliegen nach Instrumenten. Bei den Feuervögeln besteht die Möglichkeit, frei und mit offenem Visier zu fliegen bzw. 360 Grad herum zu schauen. Wenn es später zeitlich klappt, kann ich mir das gut vorstellen.

 
Xavier Schumacher

Belgian Flight School

Die Belgische Flugschule gibt es seit 1981. Der Hauptsitz befindet sich in Gosselies (Charleroi). Teile der Ausbildungen und Weiterbildungen finden aber auch in Lüttich, Brüssel und Orlando (USA) statt. Die Flugschule ist eine weltweit führende Einrichtung zur Ausbildung von Linienpiloten. Es besteht die Möglichkeit, die Ausbildung in einem Modularen oder einem Kompaktkurs zu absolvieren. Auch Trainings- und Weiterbildungskurse für erfahrene Piloten bietet die Schule an. Kurse können im April und Oktober jeden Jahres begonnen werden. Zur Finanzierung bestehen Kooperationen mit verschiedenen Banken.
 

Erste Erfahrungen in Büllingen sammeln

Um erste Erfahrungen zu sammeln, lohnt es sich beim „Aero- und Modellclub VoG Feuervogel Büllingen“ vorbeizuschauen. Der Flugplatz befindet sich im Büllinger Ortsteil „Im Sief“. Für alle Alterskategorien bietet der Verein das Modellfliegen an. Hier lernen die Jüngsten, ein Gefühl für die Steuerung zu entwickeln. Für alle Personen ab 16 Jahre werden Kurse angeboten, um Ultraleichtflieger (ULM) zu bedienen.
 

„Besucht den Berufsinformationstag!“

Interview mit KAE-Absolvent David Mattar
Heute Abend findet der ­bekannte Info-Abend des ­Königlichen Athenäums Eupen statt, der jahrein jahraus hunderte Schüler anzieht, die sich über die verschiedensten ­Berufe ­informieren wollen. Hierzu haben wir uns mit David Mattar unterhalten. Der Webgrafiker hat positive Erfahrungen mit dem Abend gemacht.

GEneration: Hallo Herr Mattar, wo haben Sie studiert?
„An der Haute École Rennequin Sualem in Serain, auch Inpres genannt. Dort habe ich meinen ­Bachelor in „Techniques Infographiques“ (Mediengestaltung) gemacht.“

GEneration: Seit wann machen Sie am Berufsinformationstag des KAE mit und warum stehen Sie einen Abend lang Rede und Antwort?
„Ich habe bereits am ersten Berufsinformationstag teilgenommen und bin bisher immer dabei gewesen. Ich denke, es ist sehr wichtig, den angehenden Studenten einen Eindruck von dem jeweiligen Studium und dem späteren Berufsalltag zu vermitteln und welche Vorraussetzungen man dafür mitbringen sollte.“

GEneration: Also Ihrer Meinung nach lohnt sich ein Besuch?
„Auf jeden Fall. Ich wäre zu meiner Schulzeit froh über solch eine Möglichkeit gewesen. Die Chance, so viele Berufe und Studienmöglichkeiten an einem Abend entdecken zu können, bietet sich einem ja eher selten.“

GEneration: Was würden Sie jungen Leuten raten, die noch nicht wissen, was sie später einmal werden sollen?
„Den Abend besuchen und so viele Informationen und Eindrücke sammeln wie möglich. Man sollte aber vor allem Spaß an dem haben, was man später womöglich sein Leben lang tun wird und sich nicht von Defiziten, die man in dem einen oder anderen Bereich hat, abschrecken lassen.“

David Mattar ist 29 Jahre alt und Webgrafiker bei der Eupener Firma Demetec. Dadurch, dass das Internet immer mobiler wird und die Informationen über immer mehr Geräte – mit unterschiedlchen Displaygrößen – abgerufen werden können, arbeitet David derzeit mit seinen Kollegen an Lösungen, um die Surferfahrung für alle Endgeräte so gut wie möglich zu gestalten.

Was: Berufsinformationsabend des KAE
Wo: Lascheterweg 20 in Eupen
Wann: Heute von 19-21.30 Uhr
Wer soll kommen: Eingeladen sind alle Schüler ab dem 3. Jahr der Sekundarschulen aller ostbelgischen Schulen und der Randgemeinden.

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