Tagsüber Lagerist – abends DJ Micronox

Am vergangenen Samstag brachte Mike Deconinck alias Micronox noch die Eupener Drum’n’Bass- Liebhaber auf der Party „Endstation Schlachthof“ im gleichnamigen Kulturzentrum zum Tanzen. Doch der Vollblut-DJ legt seine Sounds nicht nur in Ostbelgien auf, sondern reist immer wieder zu weit entfernten Zielen. Nächste Station Ende April: Südamerika.

Von Sofia Hammes und Hanna Bank

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Fotos: Marius Kreuder

Mike Deconincks Leben scheint auf den ersten Blick ziemlich normal: Der 25-jährige Weywertzer arbeitet als Lagerist in einem Supermarkt, hat schon seit einigen Jahren eine feste Freundin und ist allgemein eher der bodenständige Typ. Doch wenn er zum Feierabend die Arbeitsklamotte an den Haken hängt, macht sich Mike an seinen zweiten – eher ungewöhnlichen – Full-Time-Job. Denn seit fünf Jahren legt der Kerl mit Kappe und markanter Brille immer wieder auf Partys auf, organisiert mit seinem besten Kumpel Marvin Wahl auch hin und wieder eigene Dance-Veranstaltungen. Die Musik, die Mike als Micronox dann auflegt, ist dabei alles andere als Mainstream. Drum’n’Bass lautet das Genre, das vor allem für „gebrochene“ Rhythmen und schnelle Basssounds steht. „Die Szene ist eher eine kleinere ‚Underground‘-Szene, nicht das, was ständig im Radio läuft“, erklärt Mike. Dafür seien ihre Anhänger auf der ganzen Welt verstreut.

 

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So kommt es immer wieder mal vor, dass der DJ aus der Eifel auch in anderen Ländern bei Drum‘n‘Bass-Partys mitwirkt. Das liegt vor allem daran, dass Mike und sein Kumpel Marvin bei ihren Veranstaltungen regelmäßig mit ausländischen Acts arbeiten und sie sich so ein internationales Netzwerk aufgebaut haben: „Ich kenne auf der ganzen Welt Leute aus dem Genre“, fasst Mike zusammen. Seine bisher coolsten Gig hatte Mike bei dem weltweit bekannten englischen Drum’n Bass-Radiosender „Rough Tube“, und bei dem weltweit größten Drum’n’Bass Festival, dem „Let It Roll“. „Das war bisher immer mein größtes Ziel als DJ“, erzählt der Musikliebhaber. Die nächste musikalische Reise, die der Weywertzer antreten wird, dürfte bestimmt auch das ein oder andere Highlight für Micronox bereithalten: Vom 19. April bis zum 4. Mai geht Mike auf Südamerika-Tour. Dann stehen unter anderem Radio- und Clubauftritte in Bogotá (Kolumbien), Buenos Aires (Argentien) und Lima (Peru) an. Außerdem fester Bestandteil der Reiseplanung: Einmal mit den Einheimischen durch den peruanischen Dschungel wandern. „Das war schon immer ein Kindheitstraum von mir“, meint Mike und kann es sichtlich kaum mehr erwarten. „Ich freue mich wie verrückt auf die Reise!“

 

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Wenn Mike von seinem Trip ans andere Ende der Welt zurück ist, steht auch schon das nächste Projekt des 25-Jährigen an. So richtig mit der Sprache herausrücken möchte Mike aber noch nicht. „Ich und Marvin haben Pläne für eine eigene Veranstaltung in Eupen. Dabei wollen wir einen Ort wieder zum Leben zu erwecken, der lange Zeit still stand und den sicher viele kennen“, verrät Micronox, bevor er dicht macht. Ein Geheimnis gibt der Vollblut-DJ schließlich doch preis: „Ob vor großem oder kleinem Publikum, ich bin immer noch vor jedem Auftritt nervös.“ Aber das lege sich nach dem ersten oder zweiten Lied. Dann verfliegt die Nervosität und Mike geht ganz in seiner Musik auf. Außerdem seien die Leute aus der Szene alle locker und entspannt drauf. Das ist es auch, was seiner Meinung nach die Szene ausmacht. „Auf sämtlichen Partys, auf denen ich war, hat es noch nie irgendwelche Schlägereien oder Auseinandersetzungen gegeben. Die Leute sind einfach friedlich und wollen feiern. Wirklich jeder ist willkommen, ob er zerrissene Hosen oder einen Anzug trägt. Ob Jung oder Alt. Und das ist es auch, was ich vermitteln will mit meinen Partys.“ Dass Mike mit genau diesen Partys und seiner Musik momentan ziemlich erfolgreich ist und dabei viel herum kommt, ist für den 25-Jährigen jedoch noch lange kein Grund, sich in Tagträumerein zu verlieren. Mike ist bodenständig geblieben. Hauptberuflich möchte er Lagerist bleiben. Und so wird er wohl auch in den nächsten Jahren nach Feierabend seine Lageristen-Schürze ablegen und sie am Wochenende durch seine Kopfhörer und Turntables eintauschen.

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DJ Kelly: Eine Frau dreht an den Reglern

Kelly Comté aus Stavelot hat als DJane in der von Männern dominierten Szene einen schweren Stand. Doch die 19-Jährige hat bewiesen,
was sie kann und sich als DJ Kelly einen Namen gemacht – auch wenn das einigen männlichen Kollegen nicht gefällt.

Von Allan Bastin

Kelly Comté aus Stavelot legt als DJ Kelly in der Region auf. Foto: Cedrik Fortemps

Kelly Comté aus Stavelot legt als DJ Kelly in der Region auf. Foto: Cedrik Fortemps

Fast 3.500 Likes verbucht DJ Kelly auf ihrer Facebook-Fanseite. Für eine Künstlerin aus der regionalen DJ-Szene ist das eine ansehnliche Hausnummer. „Und es sind nicht nur Belgier dabei, sondern auch Deutsche, Luxemburger, Franzosen und sogar Leute aus Kanada und Polen. Das macht einem fast schon Angst“, lacht DJ Kelly, die eigentlich Kelly Comté heißt und Kommunikation studiert.
Dabei war der Erfolg anfangs nicht vorauszusehen. Auch ihre Eltern hatten zunächst Bedenken, die 19-Jährige könnte ihr Kommunikationsstudium vernachlässigen. „Alles hat mit 14 Jahren in meinem Schlafzimmer angefangen. Mein Vater war damals selbst DJ und stellte mir sein Material zur Verfügung.“ Was anfangs nur pure Neugier und Spaß war, entwickelte sich schnell zu einer Leidenschaft: „Es wurde quasi zur Gewohnheit, dass ich bei meiner Rückkehr aus der Schule zum Mischpult ging.“
Ihr komplettes Know-how hat sie sich selbst angeeignet. Nach einigen Monaten nahm sie ihre ersten Sets auf und stellte diese ins Netz. Mit Erfolg, denn sie bekam sehr viel positives Feedback. „Dennoch fühlte ich mich zu Beginn als Mädchen ein wenig belächelt. Keiner nahm mich wirklich ernst“, erzählt Kelly. Dann ging aber alles sehr schnell: Erste Anfragen für Geburtstagsfeiern trudelten ein. Schließlich durfte sie auf einer kleinen Bühne der Francofolies in Spa auflegen – mit gerade mal 15 Jahren. Schon ein Jahr später kamen erste Anfragen von Lütticher Discotheken, um dort das Publikum im Vorprogramm in Stimmung zu bringen. Auch auf Bällen in der Region legte sie auf. „Das ging alles viel schneller, als ich mir es jemals erträumt hätte. Ich verstand anfangs nicht so recht, wie mir geschah. Vor allem war ich damals noch wirklich ein schüchternes Mädchen“, erinnert sich Kelly. Zwischen den damaligen und den heutigen Bühnenperformances liegen Welten: „Ich habe gelernt, das Mikro und meine Stimme richtig zu benutzen, um den Leuten einzuheizen. Zudem passe ich mich auch dem Event an.
Auf einer Disco Deluxe spielst du andere Musik als beispielsweise auf einem Abi-Ball in Malmedy. Ich schaue auch auf die Reaktion der Leute. Während ich anfangs ausschließlich Electro und House spielte, spiele ich jetzt je nach Abend auch komplett andere Musikrichtungen.“ Eine fixe Playlist hat sie nicht, wenn sie auf einer Veranstaltung ankommt: „In der Woche vor der Veranstaltung suche ich alle Neuheiten heraus. Ich überlege mir schon ein bisschen, was ich spielen werde. Es grenzt aber oft an Improvisation, denn in meinen Augen macht gerade das den DJ-Job so aufregend.“ Kellys Lieblings-DJs sind unter anderem Nikki Romero, Afrojack, Olivier oder auch DJ Coone, der der Hardstyle-Szene angehört. Den weniger bekannten belgischen DJ Dimitri Wouters mag sie ebenfalls. Ein Künstler hat es ihr allerdings ganz besonders angetan: DJ Tiësto. „Ich muss schon sagen, dass ich ihn ein wenig bewundere. Ich habe ihn vor fast vier Jahren live in Malmedy gesehen.
Dieser Auftritt hat mich wirklich geprägt.“ Dass Kelly genauso erfolgreich wird wie ihre Vorbilder, glaubt die junge Frau nicht: „Mein Ziel ist es, die Leute zum Tanzen zu bringen und ihnen dabei zu helfen, ihre Probleme für einen Abend zu vergessen. Alles andere ist Bonus.“ Auf ostbelgischen Bühnen fühlt sie sich besonders wohl. „Die Leute kommen irgendwie netter rüber und zeigen sich meiner Musik gegenüber sehr offen. Das hat wohl mit der Mentalität zu tun. Aber die Unterschiede zum Rest der Wallonie sind minimal, denn Party machen kann man überall.“ Mittlerweile ist Kelly auch Stamm-DJane für das Konzept „Oh My House“ in der Lütticher Diskothek Metropolis. Hier wird den DJs einiges mehr abverlangt als auf regionalen Veranstaltungen. „Auf einem Ball möchten sich die Leute einfach mit Freunden amüsieren und dabei was trinken. Natürlich ist die Leistung des DJs dabei auch wichtig, aber weniger als in einer Diskothek, wo die Menschen mehr auf die Musik achten und diese genießen wollen.“ Eine Gemeinsamkeit gibt es dennoch: Sie ist fast immer das einzige Mädchen an den Turntables. Ob das für sie nicht ein komisches Gefühl ist? „Absolut nicht. Ich denke, dass es für die Männer komischer sein muss. Es gibt sogar Kerle, denen das gar nicht passt. Aber das ist mir egal. Ich bin stolz darauf, als Mädchen in dieser Szene aktiv zu sein. Denn Frauen haben dort genauso ihren Platz wie Männer.“

Interview: DJ-Duo Kaikrizz über ihr Hobby und einen Auftritt auf Ibiza

Beats, Bass und Neon-Schminke

2DJ in Ostbelgien zu sein, ist kein einfacher Job. Mehr als zu einem Hobby oder Nebeneinkommen reicht es selten. Daher gilt es, etwas Ausgefallenes zu bieten. Verstanden haben dies die Bütgenbacher Christian Poth (25) und Kai Schumacher (25), von Beruf Bauleiter und Elektriker. Das DJ-Duo fällt regelmäßig wegen seiner Neon-Schminke und seines animierenden Electro-Beats auf den Bühnen der Eifel und darüber hinaus auf.

von Allan Bastin

 

Eine Frage vorab. Sie treten beide wahlweise unter den Namen „Nightlife“ und „Kaikrizz“ auf. Welcher Name ist Ihnen lieber?
Christian: Nightlife war und steht noch immer für den Start, den Anfang. Gibst du heute aber Nightlife bei Facebook ein, findest du es tausende Male. Wir wollten was einzigartiges, also haben wir uns für Kaikrizz entschieden, eine Kombination unserer Vornamen.
Wie hat alles angefangen?
Kai: In 2004 habe ich mit einem Freund begonnen. 2006 kam Christian dazu. Ich hatte mir einfach das nötige Material gekauft. Das Mischpult stand meist in meinem Schlafzimmer. Um Platz zu sparen, habe ich sogar mal auf meinen Boxen geschlafen (lacht). Zu Beginn haben wir vor allem auf Freibieren, Geburtstagen, Hochzeiten und sogar auf einer Oldie-Night gespielt. Die erste größere Veranstaltung war vor einigen Jahren der Abi-Ball der BIB.
Damals spielten Sie noch die volle Bandbreite an Musikrichtungen. Heute fahren Sie komplett die Electroschiene. Wie ist es dazu gekommen?
Christian: Anfangs haben wir wirklich alles gespielt. Hauptsache, die Leute tanzten. Dann haben wir uns gedacht: Die Veranstalter sollen uns wirklich für unsere Musik buchen. Ich würde unsere aktuelle Musiklinie als Electro gemixt mit kommerziellem House definieren. Ich denke, dass es in dieser Form keiner in unserer Region macht.
Was sind die Vorteile, wenn man zu zweit mixt?
Christian: Man ist auf alle Fälle flexibler. Wenn zum Beispiel einer krankheitsbedingt aussetzen muss, ist der andere noch da. Auf der Bühne hat man zu zweit auch seine Vorteile. Man kann mischen, ohne Stress zu haben. Ich kann beispielsweise animieren, während Kai mischt. Und vor allem erlebt man einfach eine coole Zeit zu zweit als Kumpels. Man ist nicht alleine, sei es auf der Bühne, aber auch vor und nach dem Auftritt. Da kann man einen zusammen trinken.
Kai: Aber nicht zu viel davor, sonst geht einem die Motorik flöten (lacht). Aber ein kleines Bierchen zur Entspannung ist immer gut.
Und die Nachteile?
Kai: Es kann vorkommen, dass man sich nicht immer einig ist, was die Übergänge angeht. Jeder hat da seine eigenen Vorstellung. Aber wir finden da immer ein Mittelding, also ist das kein Problem.
Inwiefern ist Ihnen Ihre Bühnenshow wichtig? Eines Ihrer Hauptmerkmale ist sicherlich die Neonschminke.
Christian: Sie können sich gar nicht vorstellen, was das für eine Arbeit ist. Für uns beide zusammen brauchen wir fast eine ganze Stunde. Aber die Neonschminke hat großen Wiedererkennungswert. Wir wollten den Leuten einfach was anderes bieten. Da kam mir die Idee mit der Neonfarbe.
Kai: Und dann versuchen wir, die Leute zu animieren, indem wir uns selbst viel bewegen. Wenn du da stehst wie eine Bahnschwelle, macht keiner im Publikum mit. Wenn du die Partygäste anzünden willst, musst du selbst auch brennen.
Haben Sie eine fixe Playlist, wenn Sie auf der Veranstaltung ankommen?
Christian: Im Grunde planen wir schon, was wir spielen wollen. Manchmal lassen wir die Lieder lediglich 30 Sekunden laufen. Pro Stunde, spielen wir bis zu 40 Lieder. Das ist der Abwechslungseffekt, sonst wird es zu langweilig.
Besitzen Sie ein Geheimrezept, falls der Funke überhaupt nicht überspringt?
Christian: Was das angeht, sind wir natürlich begrenzt, da wir nur einen bestimmten ­Musikstil spielen. Wir werden keinesfalls einen Helene-Fischer-
Song raushauen, nur um die Leute zu animieren. Was wir wohl haben, sind kleine „Vocals“. Das sind kurze Mitschnitte aus bekannten Melodien von Nirvana oder Queen zum Beispiel, die wir dann elektronisch untermalen. Die Leute grölen dann kurz mit und gehen dann ins Tanzen über.
Habt ihr DJ-Vorbilder?
Kai: Mein Lieblings-DJ ist Calvin Harris. Von ihm kann ich mir alles anhören. Auch wenn mein aktuelles Lieblingslied wohl „Five Hours“ von Deorro ist.
Christian: Fedde Le Grand, ohne zu zögern. Ich habe ihn auch mal getroffen und mit ihm geredet. Ich habe ihm sogar meine Demos zustecken können.
Was waren die Highlights in Ihrem bisherigen Leben als DJ?
Kai: Das Seelectronic am Bütgenbacher See vor zwei Jahren war der absolute Wahnsinn. Das Wetter war super und die Stimmung wirklich abgefahren. Die Leute waren den ganzen Sonntagnachmittag schon da und haben abends auf unserer Musik abgetanzt und abgefeiert. Es war sicherlich nicht das größte Fest, aber es war einfach nur geil.
Christian: Und dann gab es da natürlich auch unseren Trip im letzten Jahr nach Ibiza, wo wir, dank des ostbelgischen DJs Jérôme Messerich, auf einem Partyboot auflegen durften.
Kai: Und wo du zum Ende hin völlig seekrank warst…
Christian: Ja, das war übel. Das Boot schleudert dich von links nach rechts und dabei musst du auflegen. Dann hatten wir auch ein paar Bierchen getrunken, das macht die Sache natürlich nicht einfacher (grinst).
Vor Ort haben Sie auch H.P. Baxxter von Scooter getroffen. Wie ist er so drauf?
Kai: Wir saßen im selben Flieger. Den ganzen Flug über haben wir uns überlegt, wie wir ihn  ansprechen sollten.
Christian:  An der Autovermietung konnte ich ihn dann abfangen. Er war völlig genervt wegen der rufenden Fans. Aber vor allem, weil er nur kaum mit der Frau am Schalter kommunizieren konnte. Wisst ihr was? Der Baxxter kann fast kein Englisch. Er kann wohl nur „How much is the fish“… (Gelächter)
Wie wird sich Ihrer Ansicht nach die Musik in den nächsten Jahren entwickeln?
Christian: Musik, wie es sie zum Beispiel auf der Mainstage des Tomorrowland von Dimitri Vegas gibt, wird es denke ich nur noch maximal zwei Jahre geben. Es wird sicherlich noch elektronischer werden.
Kai: Irgendwann wird nochmal ein kleines Genie mit einem Supersong kommen, dem dann alle nacheifern werden.
Was wollen Sie noch erreichen?
Kai: Auf Ibiza, der Hochburg der DJs, waren wir ja schon ­— auch wenn es nicht wirklich der größte Club war… (lacht)
Christian: Wir haben schon mehr erreicht, als wir uns je erträumt hätten. Von einem großen Club der Großregion, wie zum Beispiel dem Kölner Bootshaus, gebucht zu werden, das hätte schon was. Der Traum ist natürlich, eine Musik selber zu kreieren, auf der die Leute tanzen. Dafür fehlt mir aber die Zeit. Und vor allem sitzen zu Hause Millionen Leute, die genauso denken.