Aus dem Tagebuch eines Suchtkranken

Erzählt von Jonathan, ausformuliert von Nathanael Ullmann

Drogensucht, das ist ein Thema, das in der Schule sehr häufig thematisiert wird. Allerdings kommen da nur selten die eigentlichen Betroffenen, die Süchtigen, zu Wort. Für GEneration hat Jonathan* aus Recht einmal seine Geschichte aus der Entzugsanstalt rekapituliert.

28. Juli 2011

Zugegeben, in einer Entzugsanstalt zu sitzen, ist nicht das schönste Erlebnis, das man sich vorstellen kann. Aber es ist auf jeden Fall schon mal besser als das, was vorher war. Ich bin Jonathan, 21 Jahre alt, und, wie schon gesagt, auf Entzug – weg vom Gras. Ich wurde dabei erwischt, wie ich unter anderem einer minderjährigen Freundin das Zeug besorgt habe. Außerdem war ich kurz davor, wegen meiner Sucht immer weiter in die Kleinkriminalität zu sinken. Ich musste in die U-Haft, drei Monate lang. Das Gefängnis ist wie ein Hotel, nur dass die Klinken fehlen. Als ich diese Tatsache das erste Mal bemerkt habe, bin ich voll ausgerastet. Um diesen Freiheitsentzug zu verdrängen, fing ich an, zu zeichnen. Da war zum Beispiel dieses Bild von einem Jungen, der in der Zelle steht, und unter ihm ist kein Boden. Auf der einen Seite ein Sinnbild für den Abgrund meines Lebens, auf der anderen Seite könnte es der Sprung in der Freiheit sein.

In der Entzugsanstalt ist es im Anschluss schon besser. Meiner Suchtberaterin habe ich versprochen, mit dem Kiffen aufzuhören. Mal sehen…

Zwar gibt es hier auch strenge Regeln, aber damit kommt man klar. Um sieben Uhr aufstehen, dann beginnt der Frühsport im Hof. Kommt einer zu spät, müssen alle am nächsten Morgen eine Viertelstunde früher aufstehen. Nach dem Frühsport geht es zum Frühstück, dann zu verschiedenen Arbeiten. Ich bin in den Nähkurs gekommen. Ich hätte allerdings nicht gedacht, dass ich tagein tagaus nur Wäsche bügeln und Badetäschchen zusammennähen darf. Dann kommen die Therapiegespräche. Abends gibt es dann ein wenig Freizeit, aber eigentlich ist der Tag hier schon sehr durchgeplant. Sechs Monate soll ich bleiben. Eine lange Zeit…

30. August 2011

Die Therapeuten regen mich auf. Hier wird doch niemand von seiner Sucht geheilt! Jeder, der will, bekommt Medikamente. Und diese Medikamente sind dann doch nur eine andere Droge, von der die Patienten abhängig werden. Sogar ich könnte Tabletten bekommen, wenn ich welche verlangen würde. Das macht doch gar keinen Sinn!

In den Gesprächen widerspreche ich den Therapeuten manchmal einfach nur des Widersprechens wegen. Weil ich es kann! Sie sagen: „Marihuana ist schädlich.“ Ich sage: „Marihuana ist schädlich. Aber es ist auch gut. Wie alles im Leben.“ Die können mir doch nichts sagen, verdammt.

Ich glaube, alleine zu konsumieren, ist das Schlimme. Jemand, der zu Hause sitzt und sich sinnlos ganz alleine besäuft, der ist süchtig. Jemand, der mit seiner Clique am Abend Alkohol trinkt, der ist nicht süchtig.

15. Oktober 2011

Es ist grausam, zu merken, dass man 21 Jahre alt ist, und noch nichts erreicht hat. So gesehen hat mich die Droge schon kaputt gemacht. Ich habe Freunde im Stich gelassen, saß alleine in meinem Zimmer und habe geraucht. Gar nicht mal so viel, doch immerhin mindestens einen Joint am Tag, manchmal auch mehr. Wirklich süchtig war ich also nie. Klar habe ich das gebraucht, zum Einschlafen, aber es fällt mir hier in der Klinik auch nicht schwer, damit aufzuhören. Ich bin einfach enttäuscht von mir, denn wegen meines Konsums habe ich mich isoliert. Deswegen bin ich froh, hier wenigstens Menschen um mich herum zu haben, so resozialisiere ich mich selbst.

Ich habe immer gedacht, als Künstler müsste man kiffen. Alle Rockstars kiffen, total viele bekannte Künstler nehmen Drogen. Ich dachte, vielleicht inspiriert mich das auch. Aber es war nicht so. Irgendwie konnte ich nicht mehr vernünftig zeichnen. Und jetzt sitze ich hier und habe nichts erreicht. Das ist allerdings das Gute daran: Wäre ich hier nicht hingekommen, hätte ich nie über mein Leben nachgedacht. Ich werde mich bessern, auf jeden Fall!

5. Dezember 2011

Mittlerweile haben wir hier Musikinstrumente, die wir spielen dürfen. Das ist cool. Ich mache manchmal mit meinem Zimmergenossen ein wenig Musik. „Ich habe eine Meise und vielleicht bin ich verrückt, eine Doppeldiagnose“, so heißt ein Anfang von einem unserer Lieder. Da haben wir sogar noch mit Bleistiften getrommelt und Gitarre gespielt. „Ich will nie wieder eine Puppe sein“ habe ich ein anderes genannt. Kunst tut mir nach wie vor gut. Zeichnen, Schreiben und Musik, all das sind Möglichkeiten, mich auszudrücken. Denn das was man an Kreativität und Gedanken hat, muss man rauslassen. Das ist meine Meinung.

27. Januar 2012

Bald bin ich hier raus. Vorgestern bin ich mit meinem Kumpel Jury ausgebrochen, nur für eine Nacht. Das ist relativ einfach, nachts ist hier nur eine Schwester. Wir sind raus, haben uns ein Taxi geholt und sind einfach auf eine Party gefahren. Da haben wir uns auf einer Russendisko dann erst mal einen Abschuss gegeben. Wir waren völlig fertig, vor allem mein Freund, sind aber trotz allem irgendwie wieder zurückgekommen. Aber wir haben morgens natürlich voll verschlafen. Die Pfleger haben sicher etwas gemerkt, aber konnten nichts machen. Wenn ich draußen bin, wage ich dann den Neuanfang!

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Nach dem Entzug absolvierte Jonathan seine Sozialhilfestunden, unter anderem in einem Museum. Zwar gab es später noch mal einen Rückfall, doch ist er mittlerweile clean. Derzeit hat er einen Vollzeit-Job, außerdem entwirft er Comics, u. a. für GEneration. In baldiger Zukunft will er mit dem Mädchen seiner Träume ausziehen und sich in einer größeren Stadt ein neues Leben aufbauen.

*Name von der Redaktion geändert.

Therapie - Copie11Eine Zeichnung unseres Zeichners weapon.

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