Nirgendwo angekommen

Sie wurden aus ihrer Heimat vertrieben, mussten flüchten und haben in Belgien und Umgebung eine neue Bleibe gefunden. Im Jugendtreff X-Dream in Eupen sind Raschid (23), Benjamin (22) und Lena (22) mittlerweile Stammgäste. Dort haben sie uns erzählt, wie sie sich in ihrer neuen ­Heimat ­Belgien fühlen, und was sie noch mit ihrem Geburtsland verbindet.
Text und Fotos: Nathanael Ullmann
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Die Flucht in ein neues Land kann verwirrend sein. Raschid (23) weiß das nur zu gut.

Raschid, Benjamin und Lena sind Kriegsflüchtlinge aus Tschetschenien, Serbien oder Bosnien. Um die Jahrtausendwende kamen die drei nach Belgien. Während Benjamin erst ein Jahr und drei Monate alt war, als seine Eltern aus der Heimat flüchteten, lebte Lena bis zu ihrem achten Lebensjahr in Bosnien. Sie erinnert sich noch gut an die Flucht, vor allem aber an die Verständigungsschwierigkeiten im Flüchtlingslager in Xanten: „Ich kannte damals auf französisch nur ‚oui‘ und ‚non‘. Als man mich auf Französisch fragte, wie ich heiße, habe ich immer nur ‚non‘ geantwortet.“ Jeden Tag habe sie gebetet, dass das alles nur ein Traum sei und sie wieder Zuhause aufwache. Über Umwege kam sie dann nach Eupen, musste die deutsche Sprache lernen. „Mittlerweile kann ich mich sogar besser auf Deutsch verständigen“, sagt die 22-Jährige. Zuhause unterhalten sich die Jugendlichen aber nach wie vor in ihrer Muttersprache. „Aber manchmal haben wir dann doch ein paar deutsche Worte dazwischen, weil uns die anderen nicht mehr einfallen“, sagt Raschid.
Die Frage nach ihrer wahren Heimat beantworten die Jugendlichen ganz unterschiedlich. Lena fühlt sich immer noch als Bosnierin und nicht, wie es in ihrem Pass steht, als Belgierin. Zuhause sei da, wo die Mutter sei, hat Raschid einen anderen Blick auf die Dinge. Und Benjamin ist irgendwie beides: Er sei Bosnier, aber mit belgischer Nationalität. Doch insgesamt, da sind sich die Jugendlichen einig, sind sie immer irgendwo dazwischen: „Hier wird man als Ausländer beschimpft, drüben in der Heimat sind wir Touristen“, bringt es Benjamin auf den Punkt. Er fährt jedes Jahr in seine Heimat nach Serbien, hat nach wie vor Familie dort. Allgemein haben die drei Jugendlichen noch regelmäßig Kontakt zu ihrem Geburtsland. Sei es über Freunde oder Facebook: Auf dem neusten Stand, was in ihrem alten Zuhause vor sich geht, sind sie immer. Aber leben wollen sie dort nicht mehr. Sei es wegen der Sprache oder wegen des zu geringen Einkommens, ihr Wunschwohnort ist und bleibt die Region: „Was das Arbeitslosengeld  und die Sozialhilfe anbelangt, ist Belgien einfach sehr gut“, so Lena.

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Die Jugendlichen im Jugendheim gehen mit den Vorurteilen zum Teil ironisch um, wie dieses T-Shirt zeigt.

Mit krassen Anfeindungen haben sie hier auch immer seltener zu kämpfen. Früher sei das etwas anderes gewesen, da wurde „einem des öfteren etwas hinterher gerufen“. Doch mittlerweile hat sich das geändert. „Vielleicht“, so vermutet es Raschid, „ist es mittlerweile eben normal, dass Muslime dazugehören“. Doch wenn die drei jungen Erwachsenen manche rassistischen Anfeindungen in hiesigen Online-Foren lesen, schürt das doch eine gewisse Wut: „Ich bin das beste Beispiel, dass es nicht so ist, wie man es den Muslimen nachsagt“, sagt Lena selbstbewusst. Tatsächlich zeigt sie äußerst viel Engagement, arbeitet im Jugendheim selbst mit und will später Erzieherin werden.
Jugendzentrums-Leiterin Marie-Claire Hellmann kann die positive Einstellung der Jugendlichen nur bestätigen. „Familiärer als zur Zeit habe ich es hier noch nie gehabt. Alle Nationalitäten treffen hier aufeinander und kommen gut miteinander aus“, so Hellmann. Nur die belgischen Jugendlichen blieben dem Jugendzentrum in letzter Zeit fern – leider.

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„Ich träume auch in Deutsch“

Text: Nathanael Ullmann, Fotos: David Hagemann

Spätestens seit dem Eupen’Air-Festival, das die beiden Brüder organisiert haben, ist der Name Antoniadis in Ostbelgien ein Begriff. Der 28-Jährige Antonios Antoniadis setzt sich zudem als Präsident einer deutschsprachigen Partei (SP) und Eupener Stadtratsmitglied (SPplus) unter anderem für die Jugend ein und arbeitet im Kabinett des Ministerpräsidenten der DG, sein Bruder Stratos hingegen leitet zusammen mit einem Osteopathen das Gesundbleib-Institut „medimotion“. Doch die beiden sind nicht immer Ostbelgier gewesen, ihre Vergangenheit liegt in Griechenland…

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Seit ihr von Kindheit auf schon immer so unterschiedlich gewesen?

Antonios: Mein Bruder war schon immer der Sportlichere von uns. Obwohl, ich habe auch Basketball gespielt. Und jetzt trainiere ich bei meinem Bruder im Fitnessstudio. Zumindest auf dem Papier trainiere ich bei ihm (lacht).

Stratos: Wir hatten auch nicht den gleichen Freundeskreis. Nicht in Griechenland und nicht hier. Er hat früher Rock gehört, ich Hip-Hop. Früher habe ich die Hose fast bis zu den Knien getragen, mein Bruder gar nicht. Aber seitdem ich Sport betreibe, interessiert sich Antonios ein wenig für Sport. Und seit er in der Politik ist, interessiere ich mich ein wenig für die Politik.

Was macht ein Antoniadis, wenn er mal Zeit hat?

Antonios: Im Normalfall habe ich gegen 18 Uhr Feierabend, aber dann fangen meistens die Versammlungen und Veranstaltungen an, die bis 20 oder 21 Uhr andauern, manchmal aber auch bis nach Mitternacht. Wenn ich zuhause bin, dann arbeite ich noch etwas oder schaue noch ein wenig Fernsehen. Meine Freizeit verbringe ich mit meiner Freundin oder unternehme etwas mit Freunden. Am Wochenende nehme ich oft Termine wahr, versuche aber einen Abend freizuhalten, um raus zu gehen. Ich habe von vorneherein gesagt, dass mein Privatleben nicht zu kurz kommen darf. Das ist oft schwer, aber ich schaue, dass ich die Balance halte.

Stratos: Man sagt ja immer, der Schuster hat die schlechtesten Schuhe. Aber ich versuche schon, bis zu zwei Mal die Woche Sport zu machen, trotz des 12-Stunden-Tags. Ich muss schon meinen Körper pflegen, sonst kann man den Kunden ja nichts empfehlen, wenn die sehen: Dem geht es auch nicht besser. Aber es sind halt schon 65-70 Stunden pro Woche, die ich arbeite.

Antonios, du hast gesagt, du guckst oft Fernsehen. Was ist denn deine Lieblingssendung?

Antonios: Ich schaue gerne „How I met your mother“ und die Simpsons. Sonst am liebsten Horrorfilme oder Thriller, weniger Schnulzen.

Das Lieblingsessen? Eher griechisch oder ostbelgisch?

Antonios: Ich koche sehr gerne. Das habe ich bei meiner Mutter abgeguckt, bei der ich immer noch am liebsten esse. Dennoch sind belgische Fritten definitiv eins meiner Leibgerichte. Aber ich koche ganz gemischt, sehr oft italienisch.

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Aufgewachsen seid ihr beide in Griechenland?

Stratos: Ich bin sechs Monate alt gewesen, mein Bruder ein Jahr alt, als wir 1987 von Aachen nach Griechenland gezogen sind. Wir konnten kein Deutsch, waren ja noch beide Babys. 1998 sind wir dann zurückgekommen.

Was war das für ein Gefühl, hierher zurück zu kommen?

Stratos: Ich wollte nicht weg. Ich hatte gerade erst die Primarschule zu Ende gebracht.

Antonios: Man lässt Freunde zurück und man ist gerade in der Zeit, in der man seine Identität entwickelt.

Stratos: Das beste Argument, zurückzukommen, kam von meinem Vater. Er sagte zu mir, dass es hier bessere Förderungsmöglichkeiten für Tennisspieler gibt.

 Wie war das mit der deutschen Sprache?

Antonios: Wir haben mit den Lehrern erst einmal Englisch gesprochen. Unsere Eltern sprachen ja zum Glück Deutsch, weil sie ihre Jugend in Deutschland verbracht haben. Die Sprache gelernt habe ich vor allem durch Freunde.

Stratos: Ich habe dann im Unterricht Bilder bekommen, wo dann zum Beispiel drunter stand: „DIE Katze, DER Hund“. Von den anderen wurde das belächelt. Wir mussten in ein paar Jahren dahin kommen, wo die anderen standen. Durch das Sitzenbleiben musste man sich immer neue Freunde machen, und denen klar machen: Ich bin nicht so gut in Deutsch.

Wenn ihr alleine seid, sprecht ihr dann Griechisch oder Deutsch?

Stratos: Wir sprechen Griechisch mit deutschen Wörtern. Wir verlernen langsam die griechische Sprache, ich lese zum Beispiel Griechisch immer langsamer.

 Fühlt ihr euch denn mehr griechisch oder belgisch?

Antonios: Bei mir war das so: Als ich hier angekommen bin, habe ich gesehen, dass ich anders war, mehr der Grieche. Aber mittlerweile ist Belgien meine Heimat. Ich habe schon länger die belgische Staatsangehörigkeit und weiß, dass das meine Heimat ist. Ich träume ja auch in Deutsch. Ich bin in erster Linie Belgier, aber noch immer auch ein wenig Grieche. Ein Europäer halt.

Stratos: Das ist wirklich eine schwierige Frage. In der Verwandtschaft sind ja alle Griechen. Hier fühle ich mich als Belgier, in Griechenland bin ich Grieche.

Seid ihr schon mal als Ausländer beschimpft worden?

Stratos: Schon mal, aber ich denke eher aus Spaß oder als Kosenamen „Grieche“ in der Schule.

Antonios: Als Ausländer beschimpft wurde ich noch nie. Aber selbst nach so vielen Jahren in Belgien muss ich mir öfters Witze anhören. Meistens sind sie harmlos, aber nicht selten hört man einen latenten Rassismus heraus.

Was haltet ihr von der aktuellen Migrations-Debatte, die hier in Ostbelgien geführt wird?

Antonios: Ich stehe allen Menschen, die unsere Verfassung und unsere Gesetze respektieren offen gegenüber. Die aktuellen Diskussionen sind für mich ein Hinweis dafür, dass es eine gesellschaftliche Debatte über das Thema Migration und Integration geben muss. Dabei sollte man aber nicht die Kritiker als Nazis abstempeln. Viele Vorurteile entstehen aus Unwissen aber auch aus Ängsten, die zum Teil ungehört bleiben. Die Migration ist eine große Herausforderung, der wir uns so schnell wie möglich stellen müssen.

Stratos: Ich habe da von dieser Debatte anscheinend nichts mitbekommen.

Wie weit darf eurer Meinung nach Migration gehen und wie weit sollte man sich anpassen?

Stratos: Ich finde, wenn man sich entscheidet, sein Heimatland aus verschiedenen Gründen zu verlassen, sei es als Flüchtling oder aus wirtschaftlichen Gründen, und eine „neue Heimat“ findet, dann sollte man schon versuchen, sich dort zu integrieren soweit es geht. Was das Thema Religion angeht, da könnte man seine Religion und Glauben beibehalten, man sollte aber schon versuchen, sich einem ähnlichen Bild der einheimischen Bevölkerung anzupassen. Ich toleriere alles, solange man nicht aus diesem Grund gleich fanatisch oder gewalttätig wird.

Antonios: Oft wird Integration mit Assimilation verwechselt. Eine Anpassung ist eine einseitige Geschichte: Eine Gruppe von Menschen gibt sich und seine Kultur komplett auf und geht in einer anderen Gruppe auf. Integration erlaubt aber Vielfalt, weil die kulturelle Identität nicht aufgegeben wird. Das ist übrigens so spannend an Europa, wo viele Nationalitäten und Kulturen vereint unter einem Dach leben. Wäre die Welt nicht langweilig, wenn wir alle gleich wären?

Wenn man über Griechenland spricht, kann man das ja kaum tun, ohne auch einmal einen Blick auf die jetzige Krise zu werfen. Wie steht ihr dazu?

Antonios: Die Leute vor Ort tun mir Leid. Es wäre ein Fehler, ein oder mehrere Völker für eine Situation verantwortlich zu machen, die durch neoliberale Konzepte und die Gier von Spekulanten sowie Banken und Unternehmen entstanden ist. Auf der anderen Seite hat das Land so manche Reform nötig. Während Griechenland und die anderen südeuropäischen Staaten einen Imageschaden erlitten haben, machen diejenigen, die diese Krise verursacht haben, munter weiter.

Stratos: Früher hat man Griechenland mit Geschichte und Kultur in Verbindung gebracht, jetzt mit der Krise. Da fühlt man schon mit, und versucht, die Leute vom Gegenteil zu überzeugen.

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