Kommentar: Allgemeine Sperrstunde für alle Kneipen ist kein Ansatz

Wir, eine junge und emanzipierte Eupener Rausgeh-Generation, müssen uns derzeit mit zahlreichen Schwierigkeiten herumschlagen. Nach dem Rauchverbot, das die Gäste zum Rauchen auf den Bürgersteig beförderte, soll jetzt auch noch die Sperrstunde strenger kontrolliert werden. Grund: Die Raucher auf den Bürgersteigen sind zu laut. Ha… dass ich nicht lache!
Wir werden zu unabhängigen und möglichst selbstständigen jungen Menschen erzogen, sollen aber jetzt nicht mehr selbst entscheiden dürfen, wann Schicht im Schacht ist? Es sollte meine eigene Entscheidung sein, ob ich um ein Uhr nach Hause gehe oder doch bis sechs Uhr bleibe, damit ich auch am nächsten Tag noch ein Andenken an den Vorabend habe.
Als Kellnerin kann ich auch die Wirte verstehen, die um ihre Existenz bangen. Oft sitzen bis 23 Uhr nur wenige Stammkunden an der Theke, bevor dann Schlag auf Schlag von überall her trinkfreudige Kundschaft angekrochen kommt, die einen dann bis früh morgens auf Trab hält und natürlich den Lohn in die Kasse trinkt.  Und dennoch… Eupen ist nicht das Carré. In einer Stadt wie Eupen kann nicht einfach zu jeder Tages- und Nachtzeit in den Straßen gefeiert, gegrölt und gesungen werden, denn es gibt fleißige, arbeitende Menschen, die verständlicherweise gerne abends ihre Ruhe und nachts ihren Schlaf hätten. Umherfliegende Blumenkübel, umgetretene Mülleimer und Schlägereien, bei denen die Besoffenen meist ihr Ziel nicht mehr treffen können, zeugen von Respektlosigkeit und selbstverständlich sollte dem Einhalt geboten werden. Allerdings ist eine allgemeine Sperrstunde für alle Kneipen hier der falsche Ansatz. Vielmehr sollten die wenigen Störenfriede, die ihr besoffenes und zerstörwütendes Klientel in den Straßen herumlaufen lassen, ermahnt und notfalls eben gemaßregelt werden. Dass die Polizei sich offen zeigt und bereit ist, bei beschwerdefreien Kneipen auch mal ein Auge zuzudrücken, statt den Laden um eine bestimmte Uhrzeit dicht zu machen, macht Hoffnung und zeigt, dass die Polizei eben doch unser aller Freund und Helfer ist.

 
desireeDésirée Radermacher ist freie Mitarbeitern des GEneration-Magazins und des GrenzEchos. Als Kellnerin in der Pigalle hört sie oft die Jugendlichen klagen über das Partyleben in Eupen.
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Jugendliche kritisieren Eupener Sperrstunde

Erst das Rauchverbot, jetzt eine Sperrstunde. Vor wenigen Wochen sorgte eine Polizeiverordnung für große Aufregung an den Theken Eupens. Ab sofort sollten die vor Jahren festgelegten Sperrstunden – sprich 1 Uhr an Wochentagen, 2 Uhr an Wochenenden und 3 Uhr in der Zeit vor Karneval – strenger kontrolliert werden. Ein Grund, sich zu beschweren, finden viele Jugendliche und Kneipenbesitzer.

 

Von Désirée Radermacher

 

Denn dass die Sperrstunde an Kirmes- und Karnevalstagen entfällt, ist für die Betroffenen nicht mehr als ein kleines Trostpflaster.  Doch was hat es mit dieser Sperrstunde auf sich und stirbt Eupen jetzt völlig aus? Für Lars Brüll, Betreiber der Kultkneipe Pigalle, ist die Polizeiverordnung ein Schlag ins Gesicht: „Die Pigalle lebt von den Kunden, die spät abends und nachts kommen, und wenn einem dann von heute auf morgen die Lebensader abgeschnitten wird, wird es in Zukunft sehr schwer werden“, sorgt sich Brüll.  Grund für die strengeren Kontrollen seien Beschwerden wegen Lärmbelästigung und Sachbeschädigung gewesen, erklärt Kommissar Daniel Baltus.
Das Problem bestehe zum einen aus zu lauter Musik, zum anderen aber auch aus Lärm durch Rauchergruppen, die sich auf den Bürgersteigen versammeln und deren Gespräche mit steigendem Alkoholpegel stets lauter würden. Moment mal… Raucher sind also das Problem? Hat nicht gerade das Rauchverbot dafür gesorgt, dass überhaupt auf den Bürgersteigen geraucht wird? Ja, bestätigt Baltus, es ist paradox und wenig erfreulich für die Wirte. „Respekt ist das A und O in dieser Sache. Wenn die Wirte die Lautstärke der Musik im Rahmen halten und versuchen, die Gäste auf der Straße dazu zu bringen, sich ruhig zu verhalten, ist schon ein großer Schritt getan“, so der Kommissar. Dass alles eine Respektfrage ist, das sieht auch Pigalle-Wirt so. Brüll: „Wenn es bei uns mal zu laut sein sollte, rufen die Anwohner direkt bei uns an. Dann wird natürlich sofort am Lautstärkeregler gedreht, das ist eine Frage des gegenseitigen Respekts.“ Es sei bisher aber „sehr sehr selten“ vorgekommen, dass die Polizei wegen der Lautstärke zur Pigalle musste. „Jetzt wird aber alles über einen Kamm geschoren. Man sollte das Übel bei der Wurzel packen und nur da, wo auch wirklich Beschwerden sind, sollte man auch eingreifen“, so Brüll weiter.
Gregory MentiorGregory Mentior findet, dass man Wirten und jungen Leuten zu viele Steine in den Weg legt.
Kommissar Baltus bestätigt, dass tatsächlich nur gewisse Kneipen immer wieder für Ärger sorgen, allerdings sei es nicht einfach, nur diesen Kneipen Verordnungen aufzulegen. „Die Verordnung legt die Sperrstunde für alle Kneipen fest, da können wir nicht nur gewisse Kneipen kontrollieren, da wir sonst für Wettbewerbsverzerrung sorgen. Nur in Einzelfällen – also bei Schlägereien, Lärmbelästigung usw. – kann die Polizei einzelne Kneipen mithilfe des Polizeiamtsgesetzes schließen.“
Während Wirte sich vor allem um ihre Existenz sorgen, fühlen sich Gäste – insbesondere die Jugendlichen – vor allem in ihren Rausgehmöglichkeiten begrenzt: „Es gibt so schon kein Nachtleben in Eupen, und eine Sperrstunde würde dafür sorgen, dass die Jugendlichen in andere Städte fahren, um zu feiern“, meint Federico Bley aus Eupen. Sebastien Martin teilt diese Meinung: „Ich habe lange in Frankreich gearbeitet. Da gibt es auch ein solches Gesetz in den Kneipen. Im Endeffekt hat es dazu geführt, dass die Leute gar nicht mehr in Kneipen gehen, weil es sich nicht mehr lohnt“, so der Eupener. Auch Larissa Mertens hält die Verordnung für schwachsinnig: „Die Verordnung ist total kontraproduktiv. Eupen soll schöner und touristisch attraktiver werden, aber wenn dann mal Touristen da sind, die eins trinken gehen wollen, aber wegen der Sperrstunde nicht lange bleiben können, dann schreckt man die Touristen eher ab“, befürchtet die Pigalle-Kellnerin. Gregory Mentior findet, dass man Wirten und jungen Leuten zu viele Steine in den Weg legt: „Solange es gewaltfrei bleibt, sollte jedem selbst überlassen sein, wann er nach Hause gehen will. Außerdem sollten nicht alle Kneipen zu machen müssen, nur weil zwei oder drei immer für Ärger sorgen“, so der Schüler.
Lars BrüllLars Brüll: „Die Pigalle lebt von den Kunden, die spät abends und nachts kommen, und wenn einem dann von heute auf morgen die Lebensader abgeschnitten wird, wird es in Zukunft sehr schwer werden.“
Kommissar Daniel Baltus kann die Sorgen der Wirte und jungen Leute nachvollziehen. „Wir haben bisher zwar vereinzelte Kontrollen durchgeführt, allerdings ist bisher alles ruhig geblieben. Solange es keine Beschwerden gibt und es auf den Straßen ruhig bleibt, kann man da auch mal ein Auge zudrücken. Dann muss auch nicht jede Kneipe um ein Uhr dicht gemacht werden“, ­beruhigt er die Betroffenen.