Techniker fordern Englisch

Alle reden vom internationalen Arbeitsmarkt — aber keiner beherrscht das dafür nötige Englisch. Am Robert-Schuman-Institut (RSI) fordern Schüler der technischen Abteilungen jetzt eine Änderung des Lehrplans. Sie wollen mehr Englischunterricht, um für Praktika, Studiengänge und den Einstieg in den Job fit zu werden. Die Lehrer ziehen am selben Strang.

Von Griseldis Cormann

„Englisch lernt sich einfacher als Mathematik “, ist Direktorin Brigitte Kocks überzeugt. Lange Zeit hat diese Aussage ausgereicht, Lehrer und Schüler der technischen Abteilungen in ihrer Forderung nach Englisch als Unterrichtsfach zu beschwichtigen. Nach wie vor kommt Englischunterricht im Stundenplan nicht vor. Das soll sich ändern, fordern sowohl Lehrer, als auch Schüler. „Die Meinung aller Lehrer und Schüler ist mir wichtig. Wir arbeiten hier demokratisch; ich freue mich, wenn die Schüler diskutieren und mir auch ihre Meinung mitteilen. Die Schule entwickelt sich in Kooperation mit der neuen Generation“, sagt Direktorin Kocks. In diesem Sinne diskutiert eine ganze Schule, wie sie im engen Zeitraster des technischen Unterrichts die einzige weltweit anerkannte Kommunikationssprache in ihren Alltag integrieren kann: Sollen Stunden anderer Fächer reduziert werden? Sollen bestimmte Fächer ganz gestrichen werden? Soll es mehr Wahlfreiheit für die Schüler in den nichtfachrichtungsbezogenen Fächern geben?

Union Flag

Die englische Flagge. Foto: Photo News

Schüler, die sich für eine technische Abteilung entschieden haben, können ihre schulische Ausbildung nach sechs Jahren sowohl mit einem Abitur, als auch einer berufichen Qualifkation abschließen. Mit 36 Stunden Unterricht in der Woche sind die Schüler der technischen Abteilungen, wie zum Beispiel Mechaniker, Elektriker, Elektroniker und Elektromechaniker, voll ausgelastet. Der Unterricht setzt sich aus Allgemein- und Fachkunde zusammen. „Damit bleibt nur wenig Spielraum für Veränderungen“, erklärt Kocks. Das ist der Grund, warum sie begrüßt, dass man sich von den strikten Lehrprogrammen verabschiedet. Der Elektro-Lehrer Alain Quetsch sieht, dass der Beruf des Technikers in den vergangenen Jahren an Anerkennung, Attraktivität und Anforderungen gewonnen hat. Er selbst hat für ein amerikanisches Unternehmen gearbeitet und weiß, wie wichtig die Beherrschung des Englischen ist, vor allem weil viele Unternehmen weltweit agieren. Als Lehrer sieht er sich dagegen der Herausforderung gegenüber, Schüler mit unterschiedlichen Fähigkeiten und Berufswünschen zu unterrichten: „Manche wollen direkt in den Beruf, andere wollen nach dem Abitur studieren. Für die einen müsste ich in den praktischen Arbeiten mehr in die Tiefe gehen — für die Studienkandidaten in der Theorie. Das Gleiche gilt für die Sprachfähigkeiten der Schüler“, erklärt er. „Wenn ich den Diskussionen freien Lauf lasse, dann ist schnell klar, dass Englisch von allen anerkannt wird. Danach scheiden sich die Geister“, schildert Quetsch.

Unterricht am Gymnasium

Illustrationsfoto: dpa

Einige können sich Englisch zusätzlich vorstellen, manche wollen es im technischen Unterricht integrieren, andere wieder wollen unliebsame Fächer ersetzen. Keiner will jedoch Abstriche bei den technischen Fächern. Ein zusätzlicher Unterricht ist bereits möglich. Die Abendschule bietet Sprachkurse an. Diesen sechs Stunden in der Woche können die Schüler kostenlos folgen. Zudem, so der Elektro-Lehrer, werde verstärkt fremdsprachiges Material in den Fachunterricht des sechsten Jahres einbezogen: „Wir dürfen nicht die Augen verschließen. Durch die Medialisierung sind Grundkenntnisse des Englischen vorhanden — auch wenn sie nicht aus der Schule kommen.“ Obschon Unternehmen in erster Linie darauf achten, dass ihre Mitarbeiter technisch gut ausgebildet sind, legen Arbeitgeber heutzutage auch großen Wert auf Englischkenntnisse. „Fast jedes Unternehmen erkundigt sich nach den Englischkenntnissen von Bewerbern“, erklärt der Lehrer. Einige Unternehmen bilden ihre Mitarbeiter selbst in Sprachen aus. Darauf wollen sich die Schüler aber nicht verlassen und sehen im fehlenden Englisch einen Wettbewerbsnachteil auf dem Arbeits- und Studienmarkt. Gerade diejenigen, die sich international orientieren wollen, sehen den Französischunterricht als Hindernis. Vor allem bedauern sie, auf einem zu hohen Niveau unterrichtet und mit Inhalten konfrontiert zu sein, die sie nicht unbedingt interessieren oder sie im Job nicht weiterbringen. Dementsprechend fordern sie nicht zwangsläufig die Reduzierung von Französisch, sondern eine größere Freiheit in der Sprachenwahl, je nachdem in welcher Region sie nach der Schule arbeiten wollen. Der Meinung ist auch Schulleiterin Kocks: „Es soll nicht mehr jeder das Gleiche machen.“ Transparenz und Flexibilität stehen im Mittelpunkt. Die Direktorin denkt darüber nach, in naher Zukunft Pilotphasen mit einstündigen Englischkursen anzubieten.

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Die RSI-Schüler Paul Schwier, Andy Reinartz, Ivan Gravilov, Mijo Ceslijc und Jacky Cormann (v.l.) äußerten sich zu dem fehlenden Englischunterricht. Foto: Griseldis Cormann

Paul Schwier (17), 4. Jahr, Elektrotechnik
Wenn man in die Industrie geht, braucht man immer Englisch. Die Unternehmen haben überall Standorte. Englisch ist die Grundlage für den Beruf. Ich weiß, der Stundenplan ist voll. Aber wenn wir schon nur noch eine Stunde statt zwei Religion hätten, dann wäre eine frei, um sich die Fachwörter im Englischen aneignen zu können.

Andy Reinartz (17), 6. Jahr, Informatik-Elektronik
Ich habe mich schon beworben und Englisch ist einfach ein Bewerbungskriterium, eine Vorbedingung. Immer werden technische Fähigkeit und gutes Englisch verlangt. Teilweise sind Bewerbungsgespräche in Englisch. Wenn ich ein Projekt zu Hause beginnen wollte, habe ich die Anleitungen im Internet nur in Englisch gefunden. Ich habe es mir mit Hilfe des Internets und vielen Übersetzungen beigebracht. Serien gucke ich auch in Englisch. Verstehen tue ich es, aber wann habe ich denn schonmal sprechen können?

Ivan Gravilov (19), 6. Jahr, Informatik-Elektronik
Ich bin vor vier Jahren aus Mazedonien gekommen. Dort habe ich acht Jahre Englisch gehabt. Für meinen Wunschberuf in der Elektronik habe ich vor, nach Großbritannien zu gehen. Es ist schade, dass wir hier kein Englisch haben.

Mijo Cesljic (16), 4. Jahr, Elektrotechnik
Es ist DIE Sprache. Man braucht es überall — international. Französisch ist nicht so wichtig, außerdem springen wir gerade von den Grundkenntnissen auf ein Niveau, wo wir gar nichts mehr verstehen.

Jacky Cormann (15), 4. Jahr, Elektrotechnik
Die Unternehmen sind in der Welt verteilt. Wenn ein Unternehmen im angelsächsischen Raum den Hauptsitz hat, dann wird es die Instruktionen für die anderen Sitze sicher nur in Englisch verschicken. Außerdem gibt es an den Universitäten viele Master nur noch auf Englisch, zum Beispiel in Maastricht und Löwen. Was bringt mir ein Abitur mit Französisch, wenn ich im Studium dann nicht weiter komme? Wenn wir die Abendschule machen, was ist dann mit Sport und Hobbys?

Ihr seid gefragt!

Wir interessieren uns auch für Deine Meinung: Sollte Englischunterricht verpflichtend im Stundenplan stehen? Würdet Ihr dafür auf ein anderes Fach verzichten? Diskutiert mit. Nutzt entweder hier die Kommentarfunktion oder schickt eine E-Mail an generation@grenzecho.be. Eure Meinungen und Anregungen werden in einer nächsten GEneration-Ausgabe veröffentlicht.

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Zufluchtsort Friseursalon

Seit drei Jahren ist Murat* in Belgien. Der 18-Jährige ist mit seinen Eltern aus der Türkei geflüchtet. Momentan besucht Murat den Teilzeitunterricht des Robert-Schuman-Instituts in Eupen, um seinem großen Traum einen Schritt näher zu kommen: ein eigener Friseursalon. Doch dem ­fleißigen Jugendlichen werden Steine in den Weg gelegt.
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Text: Mario Vondegracht
Foto: David Hagemann
Murats ­Eltern stammen aus dem Libanon. Im Laufe des Bürgerkriegs, der von 1975 bis 1990 das Land verwüstet, flüchten die Familie in die Türkei, wo sie die türkische Staatsangehörigkeit annehmen. Doch das Land ist nur eine Durchgangsstation für die Großfamilie. Irgendwann landen sie in Steinfurt (Deutschland), wo Murats Vater anschließend einen Autohandel betreibt. Murat ist acht Jahre alt, als die Eltern im Jahr 2005 beschließen, von Steinfurt wieder in die Türkei zurückzukehren. Die Familie, mittlerweile sechsköpfig, will dort ein neues Leben beginnen.
Doch nach sieben Jahren Aufenthalt unweit der syrischen Grenze läuft irgendetwas schief. 2012 flüchtet die Familie wieder, diesmal mit dem Ziel Belgien. „Über diese Reise will ich nicht reden“, sagt Murat, der seit wenigen ­Wochen 18 Jahre alt ist. In Brüssel stellt die Familie, die zwischenzeitlich Nachwuchs erhalten hat, einen Asylantrag. Das Verfahren läuft immer noch und hält die ganze Familie tagein tagaus in Atem. Die drei großen Schwestern sind verheiratet. Ihre Zukunft ist genauso gesichert wie jene des großen Bruders, der die deutsche Staatsangehörigeit annehmen konnte. Murat und sein elfjähriger Bruder, der in Lontzen zur Schule geht, wohnen mit ihren Eltern nach der Ankunft in Brüssel zunächst in einem Asylbewerberheim des Roten Kreuzes. Die Familie bezieht ein einziges Zimmer. „Immer noch besser als ein Einzelzimmer“, sagt Murat: „Man weiß nie, was da in einem Heim für Personen herumlaufen.“ Sechs Monate vergehen, bis die Asylbewerberbehörde der Familie eine kleine Wohnung in der Nähe von ­Lüttich zur Verfügung stellt. Schön ist es dort aber nicht. Murat geht dort zur Schule, doch er versteht kein Wort. Murat kann Türkisch und Deutsch, Französisch ist ihm aber völlig fremd. Als die Familie nach Herve umzieht, besteht Murat darauf, in Eupen zur Schule zu gehen. Er entscheidet sich für den Teilzeitunterricht am Robert-Schuman-Institut. „Ich wollte arbeiten“, so der junge Türke: „Mein Traum? Ich möchte Friseur werden und einen eigenen Salon haben.“ Dafür absolviert Murat jede zweite Woche sein Praktikum bei einem Friseur in der DG.
Abends kommt Murat erst gegen neun Uhr in sein neues Zuhause. Die Sozialwohnung, in der ein Gemisch aus Arabisch, Türkisch und Deutsch gesprochen wird, hat die Migranten-­Familie vor einigen Wochen in ­Herbesthal bezogen. „Ich treffe mich beispielsweise noch abends mit einem Freund und wir gehen etwas spazieren“, sagt der Praktikant, der in diesem Land noch nicht ganz angekommen ist. Aufgrund seines Status‘ darf er zum Beispiel keinen Führerschein machen. Ob er nach dem Sommer, wenn seine schulische Laufbahn endet, eine Ausbildung ­beginnen darf, ist unklar. Das gilt auch für seine Eltern, die derzeit ebenfalls nicht arbeiten (dürfen). „Falls das Unaussprechliche  eintreffe, dann weiß ich nicht, was ich tun soll“, sagt Murat. In Belgien gefällt es ihm auf jeden Fall sehr gut. Murat, der abends gerne Fernsehen schaut und nicht so oft auf Facebook abhängt („Zeitverschwendung“), sagt: „Ich habe mich an mein Leben hier gewöhnt.“
„Murat ist ein fleißiger Junge, der respektvoll und freundlich mit den Kunden ist“, sagt der Inhaber des Friseursalons, in dem Murat seit fast anderthalb Jahren Praktikant ist. „Als wir der Lehrerin gesagt haben, dass wir gerne einen Schüler aufnehmen, wussten wir nicht, dass Murat dieser Junge ist und dass er Türkisch spricht“, so der Friseur. Mittlerweile sei er wie ein „Bruder“, ein Teil der Familie.
Murat kommt derweil im Gespräch mit Kunden mit vielen Lebensweisheiten um die Ecke. Sie lauten: „Du brauchst nur einen guten Freund und nicht hundert Bekannte“ oder „Das Leben besitzt keine Garantie“. Wenn man Murat zuhört, merkt man, dass er viel durchgemacht haben muss. Er wirkt reifer, er könnte locker 25 Jahre alt sein. Ob ihm das nun weiterhilft, steht in den Sternen. Oder in einem von Paragraphen überhäuften Papier in einem tristen Büro der Brüsseler Asylbehörde.

*Der Name wurde von der Redaktion ­geändert