Eine Anleitung für Facebook-Aussteiger

Das eigene Facebook-Profil löschen, so wie es GEneration-Mitarbeiterin Julie Hardt in ihrem Selbstversuch gemacht hat? Leichter gesagt als getan, denn Facebook versucht das geschickt zu verhindern.

Möglich ist es dennoch, und so funktioniert’s: Im Menü „Hilfe“ muss man in der Suchzeile zunächst „Konto löschen“ eintippen und den Punkt „Wie kann ich mein Konto dauerhaft löschen?“ auswählen. Hier findet sich der Link zum Ausstieg. Nach einem Klick auf den Button „Mein Konto löschen“ und der anschließenden Bestätigung ist das Profil aber längst nicht Geschichte. Denn natürlich hofft Facebook, man möge doch wieder zurückkommen. Bis der Löschvorgang tatsächlich gestartet wird, vergehen vierzehn Tage. Loggt man sich in der Zwischenzeit wieder ein, gilt die Löschung für Facebook als widerrufen. Wer sich lediglich eine kleine Facebook-Auszeit nehmen möchte, kann sein Konto vorübergehend deaktivieren. In den Kontoeinstellungen unter dem Menüpunkt „Sicherheit“ versteckt sich die Funktion „Deaktiviere dein Konto“. Ein deaktiviertes Profil bleibt bestehen, ist aber unsichtbar, bis man es durch erneutes Einloggen wieder aktiviert.

Info: In der letzten Ausgabe des GrenzEchos in diesem Jahr lesen Sie den zweiten Teil des Offline-Tagebuchs von Julie Hardt.

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Beziehungsstatus: getrennt

ScreenBlog“Facebook – wat für’n Scheiß. Wetten, du kommst eh nicht mehr ohne klar?”  – „Wie bitte?! Natürlich komme ich ohne klar”, erwiderte ich leichtfertig. Halb Wette, halb Schnapsidee, so fing die Geschichte an. Nicht, dass ich mir schon öfter selbst gedacht habe, dass da eine Menge Schrott zu lesen ist. Noch dazu immer mehr unerwünschte Seiten, die – wie Facebook findet – zu meinem Verbraucherverhalten passen. Und genervt hat es irgendwie auch… z. B. dass man die Übersicht verlor bei den Einstellungen zum Schutz der Privatsphäre, weil man irgendwann alles einzeln und nachträglich einstellen musste. Dann noch die ganzen „Freunde”:  mit 380 von 400 tritt man sowieso nie oder nur selten in Kontakt – und von engen Freunden hat man ja auch die Telefonnummer. Früher haben die Menschen es doch auch ohne Facebook geschafft, mit anderen zu kommunizieren. Heute sitzen sie sich im Restaurant gegenüber und starren nur aufs Smartphone statt sich zu unterhalten. Wie Wiglaf Droste so schön sagte: „Er scrollte, sie grollte.“ Freunde und Fotos ausmisten? Dauert zu lang. Privatsphäre-Einstellungen? Zu kompliziert. „Pfff, kein Problem, morgen löschen wir Facebook“, erwiderte ich todesmutig. Große Worte, mit unbehaglichem Beigeschmack.

ERSTER TAG: Das Schlussmachen schien zunächst viel einfacher als im wirklichen Leben. Nach anfänglicher Sucherei auf der Seite, wo denn überhaupt die „Tür“ zum Offline-Leben sei, waren wir nur noch zwei Klicks entfernt von der Freiheit. Facebook machte mir die Trennung nach dreijähriger Beziehung ganz schön schwer und fragte mich zweimal, ob ich auch wirklich sicher sei, dass ich es verlassen möchte. Hmm, hundertprozentig sicher nicht, aber ich konnte mir ja schließlich nicht die Blöße geben, abzuspringen und damit zuzugeben, dass ich genauso abhängig bin wie alle anderen  – ich bin stark. Und dann hatte das soziale Netzwerk so kurz vor Schluss noch eine ganz miese und subtile Nummer parat: Auf dem Abschluss-Bildschirm erschienen Profilbilder(!) von meinen besten Freunden (die ich mit Sternchen als „wichtig“ in meiner Prioritätenliste markiert hatte, damit ich auch immer weiß, was sie so treiben …). Zu allem Überfluss ließ die Seite mich unter den angezeigten Fotos wissen: „Sarah wird dich vermissen, Julie!“ und „Patrick wird dich vermissen! Und der und der auch.“ Soll ich jetzt etwa heulen oder was?! Nein, das geht zu eindeutig zu weit… Big Brother is watching me – ich lass’ mich doch nicht manipulieren. Die vielen Bedenken und die brandaktuellen Abhörskandale in den Medien gaben mir den letzten Ruck. Offline. Voilà, geschafft. Raffiniert wie Facebook jedoch ist, hält es sich, bzw. mir ein Hintertürchen auf und versaut mir den sauberen Schlussstrich: Ich könne jederzeit wiederkommen, hieß es. Ich müsse nur meine E-Mailadresse und das Passwort eingeben und alles sei wie zuvor. Das ist ja wie einem Alkoholiker, der auf Entzug ist, eine Pulle Whisky vor die Nase zu stellen. Facebook = der Superpartner, der dich immer wieder mit offenen Armen empfängt, egal wie oft du ihn fallen lässt.
Am Abend sage ich zu mir selber: „Ich hab es getan und bin überrascht.“ Male mir jetzt Freiheit durch Anonymität aus – vor mir liegt wunderbares… nämlich erst einmal nichts. Am Nachmittag gleich die Antwort einer Freundin auf eine SMS-Frage von mir: „Schau mal in unsere Facebook-Gruppe, da steht alles.“ „Da bin ich nicht mehr,“ schreibe ich stolz zurück. „Wie, echt?!“ (als gäbe es diese Option in der heutigen Welt nicht mehr) „Haha, jaja, mal sehen, wie lang du das aushältst…“ – Da bin ich allerdings auch mal gespannt. Am Abend meint eine andere Freundin: „Boah, du bis ja voll krass alternativ drauf. Da überlegt man ja glatt, das Gleiche zu machen. Ich schreib eh mehr über WhatsApp.“ Hmm, was heutzutage als „krass“ gilt… Unsere Großeltern zogen in den Krieg, heute reicht eine Trennung von Facebook.

ZWEITER TAG: Umstellungen in den Gewohnheiten werden zwangsläufig. Statt vor der Arbeit diverse Nachrichtenportale zu überfliegen, Facebook zu checken und Mails zu schreiben, fliege ich länger über die Nachrichten. Und noch mal nachmittags. Ich lese ungewohnt oft die Nachrichten – eine alte Facebook-Gewohnheit halt: immer etwas neues, der Nachrichtenstrom darf nie abreißen. Ich konsultiere mehrere Seiten, um mir Befriedigung zu verschaffen. Befasse mich intensiver mit dem Weltgeschehen als mit dem Glück und Leid meiner über 400 Facebook-Freunde. Dem Weltgeschehen fehlt jedoch irgendwie die persönliche Note.

DRITTER TAG: Der Schrott auf der Startseite fehlt mir kein bisschen. Ich bin zufrieden. Komme nach Hause. Normalerweise hätte ich jetzt ein Ründchen mit meiner Facebook-Beziehung gedreht. Stattdessen bin ich erstaunt über die viele Zeit, die ich nun habe, um die Wäsche zu erledigen. Ich schaffe es sogar noch, die Haare mit dem Glätteeisen zu bearbeiten – wow, dafür hab’ ich sonst nie Zeit. Mir wird bewusst: Facebook frisst echt viel Zeit.

VIERTER TAG: Habe ohne Facebook Probleme, mir Zugang zu Informationen zu verschaffen. Es ist die reinste Ideenbörse mit seinen Statusmeldungen, schlauen Sprüchen, Weltverbesserergruppen, Youtube-Videos und Abonnements. Da fanden sich mehrmals täglich Pressenews und Modetrends auf meiner Startseite. Die Startseite. „Also bei mir ersetzt das die Zeitung,“ erklärt eine Bekannte. Schöne neue virtuelle Welt. Dank Facebook stecken die guten alten Papierzeitungen noch mehr in der Krise.

Ob unsere GEneration-Mitarbeiterin es schafft, Facebook-abstinent zu bleiben, erfahrt ihr in der nächsten Woche.