Zufluchtsort Friseursalon

Seit drei Jahren ist Murat* in Belgien. Der 18-Jährige ist mit seinen Eltern aus der Türkei geflüchtet. Momentan besucht Murat den Teilzeitunterricht des Robert-Schuman-Instituts in Eupen, um seinem großen Traum einen Schritt näher zu kommen: ein eigener Friseursalon. Doch dem ­fleißigen Jugendlichen werden Steine in den Weg gelegt.
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Text: Mario Vondegracht
Foto: David Hagemann
Murats ­Eltern stammen aus dem Libanon. Im Laufe des Bürgerkriegs, der von 1975 bis 1990 das Land verwüstet, flüchten die Familie in die Türkei, wo sie die türkische Staatsangehörigkeit annehmen. Doch das Land ist nur eine Durchgangsstation für die Großfamilie. Irgendwann landen sie in Steinfurt (Deutschland), wo Murats Vater anschließend einen Autohandel betreibt. Murat ist acht Jahre alt, als die Eltern im Jahr 2005 beschließen, von Steinfurt wieder in die Türkei zurückzukehren. Die Familie, mittlerweile sechsköpfig, will dort ein neues Leben beginnen.
Doch nach sieben Jahren Aufenthalt unweit der syrischen Grenze läuft irgendetwas schief. 2012 flüchtet die Familie wieder, diesmal mit dem Ziel Belgien. „Über diese Reise will ich nicht reden“, sagt Murat, der seit wenigen ­Wochen 18 Jahre alt ist. In Brüssel stellt die Familie, die zwischenzeitlich Nachwuchs erhalten hat, einen Asylantrag. Das Verfahren läuft immer noch und hält die ganze Familie tagein tagaus in Atem. Die drei großen Schwestern sind verheiratet. Ihre Zukunft ist genauso gesichert wie jene des großen Bruders, der die deutsche Staatsangehörigeit annehmen konnte. Murat und sein elfjähriger Bruder, der in Lontzen zur Schule geht, wohnen mit ihren Eltern nach der Ankunft in Brüssel zunächst in einem Asylbewerberheim des Roten Kreuzes. Die Familie bezieht ein einziges Zimmer. „Immer noch besser als ein Einzelzimmer“, sagt Murat: „Man weiß nie, was da in einem Heim für Personen herumlaufen.“ Sechs Monate vergehen, bis die Asylbewerberbehörde der Familie eine kleine Wohnung in der Nähe von ­Lüttich zur Verfügung stellt. Schön ist es dort aber nicht. Murat geht dort zur Schule, doch er versteht kein Wort. Murat kann Türkisch und Deutsch, Französisch ist ihm aber völlig fremd. Als die Familie nach Herve umzieht, besteht Murat darauf, in Eupen zur Schule zu gehen. Er entscheidet sich für den Teilzeitunterricht am Robert-Schuman-Institut. „Ich wollte arbeiten“, so der junge Türke: „Mein Traum? Ich möchte Friseur werden und einen eigenen Salon haben.“ Dafür absolviert Murat jede zweite Woche sein Praktikum bei einem Friseur in der DG.
Abends kommt Murat erst gegen neun Uhr in sein neues Zuhause. Die Sozialwohnung, in der ein Gemisch aus Arabisch, Türkisch und Deutsch gesprochen wird, hat die Migranten-­Familie vor einigen Wochen in ­Herbesthal bezogen. „Ich treffe mich beispielsweise noch abends mit einem Freund und wir gehen etwas spazieren“, sagt der Praktikant, der in diesem Land noch nicht ganz angekommen ist. Aufgrund seines Status‘ darf er zum Beispiel keinen Führerschein machen. Ob er nach dem Sommer, wenn seine schulische Laufbahn endet, eine Ausbildung ­beginnen darf, ist unklar. Das gilt auch für seine Eltern, die derzeit ebenfalls nicht arbeiten (dürfen). „Falls das Unaussprechliche  eintreffe, dann weiß ich nicht, was ich tun soll“, sagt Murat. In Belgien gefällt es ihm auf jeden Fall sehr gut. Murat, der abends gerne Fernsehen schaut und nicht so oft auf Facebook abhängt („Zeitverschwendung“), sagt: „Ich habe mich an mein Leben hier gewöhnt.“
„Murat ist ein fleißiger Junge, der respektvoll und freundlich mit den Kunden ist“, sagt der Inhaber des Friseursalons, in dem Murat seit fast anderthalb Jahren Praktikant ist. „Als wir der Lehrerin gesagt haben, dass wir gerne einen Schüler aufnehmen, wussten wir nicht, dass Murat dieser Junge ist und dass er Türkisch spricht“, so der Friseur. Mittlerweile sei er wie ein „Bruder“, ein Teil der Familie.
Murat kommt derweil im Gespräch mit Kunden mit vielen Lebensweisheiten um die Ecke. Sie lauten: „Du brauchst nur einen guten Freund und nicht hundert Bekannte“ oder „Das Leben besitzt keine Garantie“. Wenn man Murat zuhört, merkt man, dass er viel durchgemacht haben muss. Er wirkt reifer, er könnte locker 25 Jahre alt sein. Ob ihm das nun weiterhilft, steht in den Sternen. Oder in einem von Paragraphen überhäuften Papier in einem tristen Büro der Brüsseler Asylbehörde.

*Der Name wurde von der Redaktion ­geändert

Jana Laschet: Von der Schulbühne ins Tonstudio

Mit elf Jahren hat Jana Laschet zum ersten Mal vor größerem Publikum gesungen, bei der Talentshow in ihrer Schule. Lehrerin und Mitschüler waren begeistert. Mittlerweile nimmt die 14-jährige Eupenerin seit drei Jahren Gesangsunterricht bei Sängerin Jennifer McCray. Sogar eine professionelle CD nimmt sie bald auf.

Von Griseldis Cormann

IMG_9318Wie hat sich deine Gesangskarriere nach der Talentshow entwickelt?
Im ersten Sekundarschuljahr habe ich bei dem Casting für den Schulchor „PDS-Voices“ vorgesungen und wurde sofort genommen. Im Rahmen der Projekttage durfte ich dann auch direkt mein erstes Solo singen. Das habe ich letztes Jahr wieder gemacht, und in diesem Jahr singe ich auch. Im ersten Sekundarschuljahr habe ich auch angefangen, Gesangsunterricht an der Popakademie in Eupen zu nehmen, in der Gruppe der Sängerinnen Krystell Mandy und später bei Jennifer McCray. Seit diesem Jahr habe ich auch Einz­elunterricht. Zum Geburtstag hatte ich mir ein Mikro gewünscht und eine CD-Aufnahme in einem Studio. In den Osterferien nehme ich drei bis vier Lieder auf.

Wir läuft der Gesangsunterricht ab?
Der Unterricht findet einmal in der Woche in der Gruppe statt. Wir machen verschiedene Übungen: den Kiefer entspannen, meistens zu Beginn einen Ton vom Keyboard nachsingen, auf den Boden legen, Atemübungen. Anschließend singen wir, manchmal auch in der Gruppe. Wenn wir vorsingen, wird uns dann gesagt, was wir noch verbessern können und ob der Ausdruck und die Gefühle stimmen. Es macht echt Spaß.

Gibt es Übungen, die du gar nicht magst?
Übungen, die doof aussehen, wie zum Beispiel den Kiefer zu lockern, mag ich nicht. Das war mir am Anfang etwas unangenehm. Auch Situps müssen wir zu Hause machen. Beim Singen geht es ja vor allem um die Atmung. Der Bauch geht nach vorne wie ein Luftballon. Um die Luft dort zu halten, braucht man Bauchmuskeln.
Möchtest du das Singen irgendwann zum Beruf machen?
Das kann ich mir gut vorstellen, vielleicht auch Musik zu studieren.

Jana trat bei "Modern Times" auf.

Jana trat bei “Modern Times” auf.

Oper, Musical, Chor oder Rock – In welchem Genre würdest du dich am wohlsten fühlen?
Im ersten Jahr der Projekttage habe ich ein Stück aus „Phantom der Oper“ gesungen. Ich hatte dort am Ende einen hohen Ton, von dem ich niemals gedachte hätte, dass ich ihn halte. Doch ich hab es hinbekommen. Im letzten Jahr habe ich „Arielle“ gesungen. In diesem Jahr ist die Fernsehserie „Glee“ das Thema. Es sind alles Coversongs. Eine bestimmte Richtung bevorzuge ich momentan nicht.

Bei dem Benefizkonzert für Bana Kelasi VoG in der PDS-Aula im vergangenen Dezember bist du durch deinen Gesang aufgefallen. Hast Du sonst schon vor Publikum gesungen?
Jeden ersten Freitag im Monat findet im Camping Hertogenwald eine Jam-Session statt. Da singe ich gerne. Ansonsten, wie gesagt, in der Grundschule, bei den PDS-Projekttagen, das Benefizkonzert, auf der Silberhochzeit meiner Eltern und bei einer Veranstaltung von Chudoscnik Sunergia.

Hast du schon mal einen eigenen Songtext geschrieben?
Ja. Mir gefallen sie, aber ich weiß nicht, ob andere die Texte auch toll finden. Ich habe Phantasie. Meistens schreibe ich Texte, wenn ich einen Traum gehabt habe, auch Alltags- oder Tagträume. Die sind schon ziemlich verrückt.

Unterstützen deine Eltern Dich?
Ja, ich brauche auch viel Unterstützung. Vor allem, wenn man ans Finanzielle denkt. Auch bei den Auftritten. Ich bin immer nervös. Es beruhigt schon sehr, wenn jemand im Publikum sitzt, den man kennt. Manchmal singe ich auch meinem Vater vor. Ich will dann wissen, was er davon hält. Und natürlich Jennifer McCray. Sie ist ja professionelle Sängerin. Sie bleibt immer kritisch und sagt, wenn es nicht gut ist oder es ihr nicht gefällt.

Was hältst du von Eltern, die ihre Kinder schon früh „pushen“, zum Beispiel mit Gesangsunterricht?
Wenn man sechs Jahre alt ist und Spaß am Singen hat, muss man nicht sofort zum Unterricht. Für mich ist es wichtig, sich selbst im Singen wiederzufinden. Es ist gut zu wissen, dass man gerne singt. Und wenn andere es dann auch gut finden, ist der richtige Zeitpunkt gekommen, auch mal über Unterricht nachzudenken. Ich halte nichts von Eltern, die schon bei ihren kleinen Sechsjährigen überall rumerzählen, wie begabt sie sind.

Wie soll es für dich nach der CD-Aufnahme weitergehen?
Ich wollte mich schon immer selbst begleiten können. Ich lerne aktuell Keyboard bei Philippe Reul an der Popakademie.  Ich möchte immer etwas Neues lernen, später könnte ich mir vorstellen, auch noch Gitarre zu lernen, dann könnte ich mich auch gut beim Singen begleiten.

 
INFO:POPAKADEMIE
Im Oktober 2012 gründete der Musiker und Musikpädagoge Philippe Reul in Zusammenarbeit mit der Raupe VoE die erste Popakademie in Eupen. Zunächst wurden Kurse für Keyboard, Gitarre und Bass zur Begleitung von Pop- und Jazz-Songs angeboten. Aktuell kann neben dem Gesangsunterricht auch Songwriting und Bandcoaching gebucht werden. Anders als bei herkömmlichem Musikunterricht wird keine Notenschrift erworben, im Mittelpunkt steht die Verknüpfung von Wissen, Hören und rhythmischem Erleben.

Nirgendwo angekommen

Sie wurden aus ihrer Heimat vertrieben, mussten flüchten und haben in Belgien und Umgebung eine neue Bleibe gefunden. Im Jugendtreff X-Dream in Eupen sind Raschid (23), Benjamin (22) und Lena (22) mittlerweile Stammgäste. Dort haben sie uns erzählt, wie sie sich in ihrer neuen ­Heimat ­Belgien fühlen, und was sie noch mit ihrem Geburtsland verbindet.
Text und Fotos: Nathanael Ullmann
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Die Flucht in ein neues Land kann verwirrend sein. Raschid (23) weiß das nur zu gut.

Raschid, Benjamin und Lena sind Kriegsflüchtlinge aus Tschetschenien, Serbien oder Bosnien. Um die Jahrtausendwende kamen die drei nach Belgien. Während Benjamin erst ein Jahr und drei Monate alt war, als seine Eltern aus der Heimat flüchteten, lebte Lena bis zu ihrem achten Lebensjahr in Bosnien. Sie erinnert sich noch gut an die Flucht, vor allem aber an die Verständigungsschwierigkeiten im Flüchtlingslager in Xanten: „Ich kannte damals auf französisch nur ‚oui‘ und ‚non‘. Als man mich auf Französisch fragte, wie ich heiße, habe ich immer nur ‚non‘ geantwortet.“ Jeden Tag habe sie gebetet, dass das alles nur ein Traum sei und sie wieder Zuhause aufwache. Über Umwege kam sie dann nach Eupen, musste die deutsche Sprache lernen. „Mittlerweile kann ich mich sogar besser auf Deutsch verständigen“, sagt die 22-Jährige. Zuhause unterhalten sich die Jugendlichen aber nach wie vor in ihrer Muttersprache. „Aber manchmal haben wir dann doch ein paar deutsche Worte dazwischen, weil uns die anderen nicht mehr einfallen“, sagt Raschid.
Die Frage nach ihrer wahren Heimat beantworten die Jugendlichen ganz unterschiedlich. Lena fühlt sich immer noch als Bosnierin und nicht, wie es in ihrem Pass steht, als Belgierin. Zuhause sei da, wo die Mutter sei, hat Raschid einen anderen Blick auf die Dinge. Und Benjamin ist irgendwie beides: Er sei Bosnier, aber mit belgischer Nationalität. Doch insgesamt, da sind sich die Jugendlichen einig, sind sie immer irgendwo dazwischen: „Hier wird man als Ausländer beschimpft, drüben in der Heimat sind wir Touristen“, bringt es Benjamin auf den Punkt. Er fährt jedes Jahr in seine Heimat nach Serbien, hat nach wie vor Familie dort. Allgemein haben die drei Jugendlichen noch regelmäßig Kontakt zu ihrem Geburtsland. Sei es über Freunde oder Facebook: Auf dem neusten Stand, was in ihrem alten Zuhause vor sich geht, sind sie immer. Aber leben wollen sie dort nicht mehr. Sei es wegen der Sprache oder wegen des zu geringen Einkommens, ihr Wunschwohnort ist und bleibt die Region: „Was das Arbeitslosengeld  und die Sozialhilfe anbelangt, ist Belgien einfach sehr gut“, so Lena.

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Die Jugendlichen im Jugendheim gehen mit den Vorurteilen zum Teil ironisch um, wie dieses T-Shirt zeigt.

Mit krassen Anfeindungen haben sie hier auch immer seltener zu kämpfen. Früher sei das etwas anderes gewesen, da wurde „einem des öfteren etwas hinterher gerufen“. Doch mittlerweile hat sich das geändert. „Vielleicht“, so vermutet es Raschid, „ist es mittlerweile eben normal, dass Muslime dazugehören“. Doch wenn die drei jungen Erwachsenen manche rassistischen Anfeindungen in hiesigen Online-Foren lesen, schürt das doch eine gewisse Wut: „Ich bin das beste Beispiel, dass es nicht so ist, wie man es den Muslimen nachsagt“, sagt Lena selbstbewusst. Tatsächlich zeigt sie äußerst viel Engagement, arbeitet im Jugendheim selbst mit und will später Erzieherin werden.
Jugendzentrums-Leiterin Marie-Claire Hellmann kann die positive Einstellung der Jugendlichen nur bestätigen. „Familiärer als zur Zeit habe ich es hier noch nie gehabt. Alle Nationalitäten treffen hier aufeinander und kommen gut miteinander aus“, so Hellmann. Nur die belgischen Jugendlichen blieben dem Jugendzentrum in letzter Zeit fern – leider.

Der Landwirt, der keiner sein wollte

Text von Mike Notermans
Fotos von David Hagemann

20150306_hagemann_0069Pascal Niessen aus Deidenberg sitzt in seinem kleinen Büro. An der Wand hängt ein Bild aus ­alten Tagen, das ihn gemeinsam mit seinem Vater Edgar zeigt. Durch zwei kleine Fenster kann der 25-Jährige direkt in den weiträumigen Laufstall seiner 120 Milchkühe blicken, die gerade insgesamt fast ein halbe Tonne Futter verspeisen. Aus der Silage steigt Dampf auf, der für die Landwirtschaft typische Geruch liegt in der Luft.
An seinem Rechner kontrolliert der Landwirt, ob jede seiner Holstein-Kühe auch gefressen und die nötige Menge an Milch abgegeben hat – modernste Melk- und Futtertechnik macht dies möglich. „Ohne wäre es nicht möglich, die vielen Arbeiten an nur einem Tag zu bewältigen oder Termine einzuhalten“, sagt Pascal Niessen.
Während er sich durch den Zahlen-Dschungel kämpft, hat Pascal bereits einige Stunden Arbeit hinter sich. Um 5.30 Uhr klingelt jeden Tag der Wecker. Dann einfach im Bett zu bleiben oder zu trödeln, kann sich der junge Landwirt nicht leisten. Ob er müde ist oder einfach keine Lust hat, interessiert die mehr als 300 Milch- und Fleischkühe, die schon darauf warten, gefüttert und gemolken zu werden, nicht. In Zeiten, in denen immer mehr Bauernhöfe geschlossen werden müssen, weil sich unter anderem kein passender Nachfolger finden lässt, hat sich der 25-Jährige ganz bewusst für den Beruf des Landwirts entschieden und stellt so eine Seltenheit dar. Dass er mit 25 Jahren selbstständig einen landwirtschaftlichen Betrieb führt, war für Pascal Niessen lange Zeit schlichtweg undenkbar. „Die Arbeit auf dem Hof meines Vaters hat mir immer viel Spaß gemacht. Trotzdem wollte ich früher alles andere als Landwirt werden und habe beispielsweise recht oft über einen Beruf im Bankwesen nachgedacht.“

20150306_hagemann_0061Der Tod seines Großvaters löste bei dem Schüler allerdings ein Umdenken aus. „Weil gerade in der Landwirtschaft Hand in Hand gearbeitet werden muss und das Verhältnis zwischen Vater und Sohn gerade deshalb eine große und immens wichtige Rolle spielt, hat mein Vater sehr mit diesem Verlust gekämpft und wollte die Milchwirtschaft komplett aufgeben“, erzählte der Junglandwirt.
Damit es nicht so weit kommt, schlug Niessen einen anderen Berufsweg ein. Weg vom Schreibtisch, raus aus den mausgrauen Büros und rein in den Betrieb seines Vaters. Mit dem neuen Ziel vor Augen, absolvierte Niessen sein Abitur an der Agronomie-Abteilung der Bischöflichen Schule in St.Vith. Im Anschluss arbeitete er für ein halbes Jahr im Außendienst eines Unternehmens aus Luxemburg. „Danach war mir endgültig klar, dass ich eine Arbeit will, bei der mir niemand meinen Tagesablauf vorschreibt“, so Niessen.
Ganz weg vom richtigen und gekonnten Spiel mit Zahlen, Statistiken oder Quoten ist der Landwirt aber auch nach seiner beruflichen Umorientierung nicht. Dass moderne Landwirte in gewisser Weise auch Manager sind, bestätigt das Beispiel von Pascal Niessen. Die immer wieder schwankenden Milchpreise bereiten dem Deidenberger Kopfzerbrechen – wie vielen anderen auch. „Ich muss alles ganz genau berechnen, nötige Investitionen richtig einschätzen und über alles nachdenken. Aber ich mag Herausforderungen“, sagt er.

20150306_hagemann_0030Neben seinen Eltern, die ihren Sohn unterstützen, wo sie nur können, spielt Pascals Freundin Nathalie eine wichtige Rolle im Leben des Hobbyfußballers im Dienste des KFC Amel. Als Pascal seine künftige Freundin kennenlernte, verschwieg er ihr seinen ungewöhnlichen Beruf. „An dem Wort ‚Landwirt‘ haften eben sehr viele Vorurteile. Das liegt wahrscheinlich an der Tatsache, dass viele Menschen einfach kein Verständnis mehr für den Beruf haben und sich nicht dafür interessieren, wo unsere Nahrung eigentlich her kommt“, so Niessen. „Deshalb habe ich mich erstmal als Schreiner ausgegeben“, erzählt er mit einem schelmischen Lächeln im Gesicht. Durch eine Bekannte erfuhr seine jetzige Freundin von dem tatsächlichen Beruf des leidenschaftlichen Karnevalisten „Ich muss schon sagen, dass ich wirklich eine tolle Freundin habe. Obwohl sie wegen meiner Arbeit oft zurückstecken muss, akzeptiert sie mich und meinen Beruf.“
Der größte Nachteil an dem Beruf des Landwirten sei die Tatsache, dass man ständig an Zeiten gebunden ist, erzählt Pascal. „Wenn meine Freunde im Sommer am See ‚chillen‘, muss ich zum Melken zurück auf den Hof. Aber wenn man einmal mit der Arbeit begonnen hat, denkt man nicht mehr an die negativen Seiten. Ich finde ohnehin, dass die positiven Seiten deutlich überwiegen.“
Während er über seinen Hof spaziert, sieht man dem Landwirt an, dass er stolz auf das Erreichte und glücklich darüber ist, es allen Skeptikern, Kritikern und vielleicht auch alle Neidern gezeigt zu haben. „Heute“, sagt er, „würde ich alles wieder genau so machen.“

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Nachgefragt bei “Monster-“Darstellern

Die Schülerinnen Saskia Roder („Alex“) und Sally Erkens („Jackie“) stehen nach „Knastkinder“ zum zweiten Mal auf der Bühne, für Louisa Thielen in einer Nebenrolle hingegen stellt „Monster“ eine Premiere dar. GEneration fragte nach, wie es ist, eine Jungschauspielerin zu sein.

Saskia, Louisa und Sally (v.l.n.r.)

Saskia, Louisa und Sally (v.l.n.r.)

Hat euch der Erfolg von „Knastkinder“ überrascht?
Sally Erkens: „Absolut. Wir hätten nicht gedacht, dass gleich unser erstes Stück so gute Resonanzen beim Publikum hervorruft und wir vor so vielen Menschen auftreten dürfen. Das hat uns natürlich sehr gefreut.“

Welche Erfahrungen habt ihr in eurer Zeit in der Jugendtheatergruppe gemacht?
Louisa Thielen: „Wir spielen nicht einfach drauf los. Jörg Lentzen gibt darauf Acht, dass wir auch lernen, durch Aussprache, Sprechlautstärke, Gestik, Mimik oder Rollenverständnis darstellerisch Akzente zu setzen.
Es ist beispielsweise nicht für jeden Darsteller selbstverständlich, Charakterzüge wie Hinterlist oder Heimtücke glaubwürdig darzustellen. Das muss man erst lernen.“

Wie viel Zeit nimmt die Teilnahme in einer Theatergruppe in Anspruch?
Saskia Roder: „Gar nicht mal so viel, wie man eigentlich meinen sollte. Für ‚Monster‘ proben wir seit Oktober jeden Freitagabend zirka zwei Stunden. Zudem haben wir am Wochenende des 7. und 8. Februar einen Theaterworkshop in Worriken in Bütgenbach absolviert. Hinzu kommt natürlich noch die persönliche Vorbereitung, die aus Einlesen ins Drehbuch und Lernen der Texte besteht.“

Wie sieht es mit der Aufregung aus? Steigt das Lampenfieber?
Saskia Roder: „Einige von uns sind schon ganz schön nervös. Ich persönlich jedoch bin in meiner Rolle in „Knastkinder“ derart aufgegangen, dass ich das Publikum gar nicht mehr bemerkt habe.“

Junge „Monster“ liefern starkes Stück

Am Freitag um 20 Uhr präsentiert Chudoscnik Sunergia in Eupen die Premiere der Jugendtheateraufführung „Monster“ im Rahmen des scenario Festival 2015. „Monster“ ist die zweite, mit Spannung erwartete Produktion der  Theatergruppe des Jugendtreff Inside Eynatten, die im vergangenen Jahr mit „Knastkinder“ einen Überraschungserfolg landete.

 

Von Björn Marx

150310_Szene_5Zwischen Lampenfieber und Scheinwerferlicht: Bei Sally Erkens, Saskia Roder, Bálász Zsido, Céline Gils, Julien Robinet, Delia Kalff und vielen weiteren Darstellern steigen die Erwartungen an den 20. März, wenn sie ihr neues Stück „Monster“ im Rahmen des scenario Festival 2015 uraufführen werden. Die 14- bis 25-jährigen Jungdarsteller der Theatergruppe des Jugendtreff Inside Eynatten werden jedoch nicht zum ersten Mal auf einer Bühne stehen, war ihre erste Zusammenarbeit mit dem Theaterpädagogen Jörg Lentzen im letzten Jahr doch ein Überraschungserfolg.

Das Stück „Knastkinder“ wurde insgesamt acht Mal vor größtenteils ausverkauften Sälen aufgeführt, darunter zwei Mal im Eupener Hotel Bosten, und vom Publikum stets begeistert beklatscht. Nun steht mit „Monster“ die nächste Produktion auf dem Programm, die die jungen Darsteller nicht nur ins Jünglingshaus nach Eupen, sondern später auch nach Aachen, ins flämische Maasmechelen, in die niederländischen Städte Heerlen und Sittard und schließlich in den heimischen Bergscheider Hof in Raeren führen wird. „Monster“ ist ein Drehbuch des deutschen Autoren Christian Ulmcke und wurde von den Darstellern sorgfältig aus mehreren Vorlagen ausgewählt.

Plakat Monster DEEs handelt sich um ein Stück, das die negativen Aspekte des heutigen Alltags an Schulen aufgreift. So heißt es im Ankündigungstext: „Die Schule, ein Ort des Lernens, der Freude und der Freundschaft? Falsch. Wohl eher ein grausamer Ort voll von Mobbing, Ausgrenzung, Gewalt, Drogen und falscher Freunde. Ihr glaubt mir nicht? Da wart Ihr wohl noch nie in einer Schule – zumindest nicht in unserer Schule. Denn das wichtigste, was wir hier lernen, ist, dass es überhaupt keine Rolle spielt, wie viel schlauer und netter und aufgeweckter du bist. Das Einzige, was zählt, ist die Fähigkeit, andere fertig zu machen.“ Das ist die harte Wirklichkeit in „Monster“, mit der die Protagonisten Sophie, Jonny, Ben, Jackie und Alex konfrontiert werden. Ob „Hübsche“, „Macho“, „Streberin“, „Kiffer“ oder „Emo“: Die Schüler einer Oberstufenklasse sind sich untereinander herzlich gleichgültig oder verachten sich sogar gegenseitig. In „Monster“ wird also die teils harsche Realität des Schulalltags thematisiert – „Heile-Welt“-Theater sieht anders aus. Auch die Kulissen sind spartanisch auf das Wesentliche reduziert: Vor weißem Hintergrund treffen maximal drei Schauspieler gleichzeitig aufeinander, sodass sie selbst und auch das Publikum auf die Darstellung fokussiert sind. Gerade dieser Wirklichkeitsbezug ist es, welcher der Theatergruppe des Jugendtreff Inside Eynatten seit ihrer Gründung im Jahre 2012 regen Zulauf beschert. „Während der schon damals florierenden Bandworkshops im Jugendtreff stellten einige Teilnehmer fest, dass auch Bühnenpräsenz professioneller Ausbildung bedarf“, so Werner Kalff, hauptamtlicher Leiter des Jugendtreffs Inside Eynatten. Daraus sei die Idee einer eigenen Jugendtheatergruppe geboren.

150310_EnsembleFür „Monster“ begeben sich seit Oktober jeden Freitag 16 Darsteller zur Probe unter Anleitung von Jörg Lentzen. Zwei Ensembles werden das Stück aufführen, einige Schauspieler übernehmen sowohl in der ersten wie auch in der zweiten Besetzung eine Rolle. Warum begeistern sich Jugendliche in einer Welt, die von Smartphones, Videogames und Social Media bestimmt wird, für eine traditionelle Kunstform wie das Theater? Theaterpädagoge Jörg Lentzen findet darauf sich ergänzende Antworten: „Theater ist Selbsterfahrung, bietet kreativen Spielraum und ist somit eine Schule fürs Leben. Genaues Zuhören, Neugierde, Spieltrieb und Zusammenarbeit sind wichtige soziale Kompetenzen, die die jungen Darsteller in der Zusammenarbeit untereinander und mit dem Theaterpädagogen verinnerlichen.“ Demnach biete Theater den Darstellern die Möglichkeit, sich selbst ernst zu nehmen und ernst genommen zu werden: von den Mitspielern, vom Publikum. Die Theatergruppe des Jugendtreff Inside Eynatten hat mit „Knastkinder“ und nun auch mit „Monster“ ein Vorurteil widerlegt, das Jugend­theater auf reinen Zeitvertreib für Jugendliche und damit auf mangelnde Ernsthaftigkeit reduziert. Sie haben bewiesen, dass auch junge Darsteller zu ernsten Themen Zugang finden. Wer diese Eindrücke nachempfinden und die jungen „Monster“ live erleben möchte, lässt sich die Premiere am 20. März um 20 Uhr im Jünglingshaus, Neu­straße 86 in Eupen keinesfalls entgehen. (bm)

DJ Kelly: Eine Frau dreht an den Reglern

Kelly Comté aus Stavelot hat als DJane in der von Männern dominierten Szene einen schweren Stand. Doch die 19-Jährige hat bewiesen,
was sie kann und sich als DJ Kelly einen Namen gemacht – auch wenn das einigen männlichen Kollegen nicht gefällt.

Von Allan Bastin

Kelly Comté aus Stavelot legt als DJ Kelly in der Region auf. Foto: Cedrik Fortemps

Kelly Comté aus Stavelot legt als DJ Kelly in der Region auf. Foto: Cedrik Fortemps

Fast 3.500 Likes verbucht DJ Kelly auf ihrer Facebook-Fanseite. Für eine Künstlerin aus der regionalen DJ-Szene ist das eine ansehnliche Hausnummer. „Und es sind nicht nur Belgier dabei, sondern auch Deutsche, Luxemburger, Franzosen und sogar Leute aus Kanada und Polen. Das macht einem fast schon Angst“, lacht DJ Kelly, die eigentlich Kelly Comté heißt und Kommunikation studiert.
Dabei war der Erfolg anfangs nicht vorauszusehen. Auch ihre Eltern hatten zunächst Bedenken, die 19-Jährige könnte ihr Kommunikationsstudium vernachlässigen. „Alles hat mit 14 Jahren in meinem Schlafzimmer angefangen. Mein Vater war damals selbst DJ und stellte mir sein Material zur Verfügung.“ Was anfangs nur pure Neugier und Spaß war, entwickelte sich schnell zu einer Leidenschaft: „Es wurde quasi zur Gewohnheit, dass ich bei meiner Rückkehr aus der Schule zum Mischpult ging.“
Ihr komplettes Know-how hat sie sich selbst angeeignet. Nach einigen Monaten nahm sie ihre ersten Sets auf und stellte diese ins Netz. Mit Erfolg, denn sie bekam sehr viel positives Feedback. „Dennoch fühlte ich mich zu Beginn als Mädchen ein wenig belächelt. Keiner nahm mich wirklich ernst“, erzählt Kelly. Dann ging aber alles sehr schnell: Erste Anfragen für Geburtstagsfeiern trudelten ein. Schließlich durfte sie auf einer kleinen Bühne der Francofolies in Spa auflegen – mit gerade mal 15 Jahren. Schon ein Jahr später kamen erste Anfragen von Lütticher Discotheken, um dort das Publikum im Vorprogramm in Stimmung zu bringen. Auch auf Bällen in der Region legte sie auf. „Das ging alles viel schneller, als ich mir es jemals erträumt hätte. Ich verstand anfangs nicht so recht, wie mir geschah. Vor allem war ich damals noch wirklich ein schüchternes Mädchen“, erinnert sich Kelly. Zwischen den damaligen und den heutigen Bühnenperformances liegen Welten: „Ich habe gelernt, das Mikro und meine Stimme richtig zu benutzen, um den Leuten einzuheizen. Zudem passe ich mich auch dem Event an.
Auf einer Disco Deluxe spielst du andere Musik als beispielsweise auf einem Abi-Ball in Malmedy. Ich schaue auch auf die Reaktion der Leute. Während ich anfangs ausschließlich Electro und House spielte, spiele ich jetzt je nach Abend auch komplett andere Musikrichtungen.“ Eine fixe Playlist hat sie nicht, wenn sie auf einer Veranstaltung ankommt: „In der Woche vor der Veranstaltung suche ich alle Neuheiten heraus. Ich überlege mir schon ein bisschen, was ich spielen werde. Es grenzt aber oft an Improvisation, denn in meinen Augen macht gerade das den DJ-Job so aufregend.“ Kellys Lieblings-DJs sind unter anderem Nikki Romero, Afrojack, Olivier oder auch DJ Coone, der der Hardstyle-Szene angehört. Den weniger bekannten belgischen DJ Dimitri Wouters mag sie ebenfalls. Ein Künstler hat es ihr allerdings ganz besonders angetan: DJ Tiësto. „Ich muss schon sagen, dass ich ihn ein wenig bewundere. Ich habe ihn vor fast vier Jahren live in Malmedy gesehen.
Dieser Auftritt hat mich wirklich geprägt.“ Dass Kelly genauso erfolgreich wird wie ihre Vorbilder, glaubt die junge Frau nicht: „Mein Ziel ist es, die Leute zum Tanzen zu bringen und ihnen dabei zu helfen, ihre Probleme für einen Abend zu vergessen. Alles andere ist Bonus.“ Auf ostbelgischen Bühnen fühlt sie sich besonders wohl. „Die Leute kommen irgendwie netter rüber und zeigen sich meiner Musik gegenüber sehr offen. Das hat wohl mit der Mentalität zu tun. Aber die Unterschiede zum Rest der Wallonie sind minimal, denn Party machen kann man überall.“ Mittlerweile ist Kelly auch Stamm-DJane für das Konzept „Oh My House“ in der Lütticher Diskothek Metropolis. Hier wird den DJs einiges mehr abverlangt als auf regionalen Veranstaltungen. „Auf einem Ball möchten sich die Leute einfach mit Freunden amüsieren und dabei was trinken. Natürlich ist die Leistung des DJs dabei auch wichtig, aber weniger als in einer Diskothek, wo die Menschen mehr auf die Musik achten und diese genießen wollen.“ Eine Gemeinsamkeit gibt es dennoch: Sie ist fast immer das einzige Mädchen an den Turntables. Ob das für sie nicht ein komisches Gefühl ist? „Absolut nicht. Ich denke, dass es für die Männer komischer sein muss. Es gibt sogar Kerle, denen das gar nicht passt. Aber das ist mir egal. Ich bin stolz darauf, als Mädchen in dieser Szene aktiv zu sein. Denn Frauen haben dort genauso ihren Platz wie Männer.“

Kommentar zu Tinder: “Wisch und weg!”

Von Annick Meys

Ich muss vorwegnehmen: Ich bin vergeben. Aus Neugierde, und um mitreden zu können, lade ich die Tinder-App trotzdem auf mein Smartphone. Das Anmelden geht über den Facebook-Account ratzfatz. Das Prinzip ist selbsterklärend: Gefällt einem ein Bild, schiebt man es nach rechts. Ein Wisch nach links und das Profil kommt einem nie wieder unter. Da ich aber offenbar zu wählerisch bin, generiere ich zunächst keine einzige Übereinstimmung und darauf kommt es schließlich an. Ohne Match kein Chat. Ich fahre also meine Ansprüche herunter – mit Erfolg. „You‘ve got a match“ zeigt die App an. Was dann folgt, ist allerdings sehr ernüchternd. „Na süsse, was machst du den?“, schreibt Frank. Na toll! Ich weiß nicht, was schlimmer ist – die Ansprache oder seine Rechtschreibung. Der zweite Match fällt direkt mit der Tür ins Haus: „Schickst du mir Nacktbilder?“, fragt mich einer, auf dessen Anzeigebild zwei süße Katzenbabys zu sehen sind. Deswegen vermute ich auch, dass Paul, der sich angeblich 65 Kilometer von mir entfernt befindet, entweder gar nicht mal so gut aussieht, oder vergeben ist, womöglich verheiratet und hier nicht erkannt werden möchte. Ich finde Paul ganz schön dreist und schicke ihm ein höfliches Nein. Er antwortet, indem er mich aus dem Chat kickt. Die folgenden Kontakte sind zunächst ganz in Ordnung. Viele fragen, was ich hier suche. Auf die gleiche Gegenfrage lautet die Antwort meist: „Was sich eben ergibt“. Dann folgt langweiliger Smalltalk, der nicht über Job und Hobbys hinauskommt. Schließlich läuft es aber doch meistens auf dieselbe anzügliche Leier hinaus. Sicher sind nicht alle so, bestimmt habe ich einfach nur falsch gewischt. Eine neue Nachricht kündigt sich an: „How are you?“, „Fine, and you?“, „Do you wanna f***?“, „No“, „Ok, bye“. Ich melde mich ab und lösche die App schnell wieder. Ich bezweifle, dass hier irgendjemand die große Liebe findet. Genausowenig glaube ich aber, dass jemand ernsthaft bei Tinder danach sucht. Unterhaltsam ist die App trotz alledem.

App zum Date

Partnersuche via Smartphone? Das galt lange Zeit als schmuddelig und verrucht. Doch nach vielen Versuchen scheint sich nun eine Dating-App durchgesetzt zu haben. Die Rede ist von Tinder. Auch Christian aus Berlin ist Fan der Anwendung. Seine Traumfrau glaubt er aber nicht damit zu finden.
Von Gregory Wintgens

 

App Tinder15 Jahre ist es mittlerweile her, seit die zwei jungen Berkeley-Absolventen James Hong und Jim Young ihr Projekt hotornot.com starteten. Ihre Namen kennen heute nur noch Silicon-Valley-Interessierte. Auch ihre Bedeutung als Grundsteinleger für das, woraus andere kluge Köpfe ein paar Jahre später Facebook und YouTube machten, erschließt sich erst bei genauerer Beobachtung. Dass ihre Vorarbeit der heutigen Nummer eins unter den Dating-Apps einiges erleichtert hat, ist wiederum offensichtlich.
Tinder besteht wie die meisten Internet-Startup-Geschichten seit dem Start des aktuellen Jahrtausends. Es ist 2012, als drei befreundete Studenten, in diesem Fall von der renommierten University of Southern California in Los Angeles, eine App veröffentlichten, die vorübergehend vor allem auf dem Campus genutzt wird. Während Mark Zuckerberg knapp acht Jahre vorher sein ursprünglich zu Dating-Zwecken geplantes Facebook langsam um weitere Funktionen erweitert und damit heute ein Milliarden schweres Imperium erschaffen hat, konzentrieren sich die Tinder-Gründer Rad, Mateen und Badeen aufs Wesentliche. Finden, Entscheiden, Treffen – drei Schritte zum theoretischen Glück. In der Praxis meldet sich der Tinder-Nutzer mit seinem Facebook-Profil in der App an und wählt sein Profilbild aus. Unmittelbar danach kann es auch schon losgehen – mittels GPS-Lokalisierung zeigt Tinder dem Nutzer andere Personen in seinem aktuellen Umkreis an, die die App kürzlich genutzt haben. Neben dem Profilfoto werden außerdem noch der Vorname und das Alter angezeigt. Wer auf innere Werte setzt, ist bei Tinder fehl am Platz. Hier geht es knallhart um optische Vorlieben, ein gesundes Maß an Selbstbewusstsein sollte man idealerweise also mitbringen. Gefällt einem, was man sieht, wischt man auf dem Smartphone nach rechts und signalisiert damit Interesse. Ein Wisch nach links lässt sich höflich als „Nein, danke“ interpretieren. Alles anonym versteht sich. Wirklich spannend wird es erst, wenn der/die UserIn gegenüber nun ebenfalls nach rechts wischt und somit also ein beiderseitiges Interesse bekundet wird. Dies schaltet die App in die zweite Phase, in der die beiden Nutzer sich gegenseitig direkte Nachrichten schicken können, um mehr übereinander zu erfahren oder ein Treffen zu vereinbaren.
Hört sich recht simpel an. Es hat, was die Vorlieben einer ganzen Generation angeht, aber auf eindrucksvolle Weise ins Schwarze getroffen. Heute nutzen ungefähr 25 Millionen Nutzer die App, die mittlerweile in 24 Sprachen erhältlich ist. Während Tinder bis vor kurzem in erster Linie nur in englischsprachigen Ländern wie den USA, Australien und Großbritannien genutzt wurde, ist das Programm seit einem großen Medienecho im vergangenen Jahr mittlerweile auch in Westeuropa angekommen. „Das Wichtigste ist, dass man realistisch an die Sache rangeht und ehrlich ist mit anderen Nutzern im Bezug darauf, worum es einem selber geht“, sagt Christian (24) aus Berlin. Als begeisterter Tinder-User weiß Christian seit einem halben Jahr sehr genau, was er von Tinder erwartet: unkomplizierten und schnellen Kontakt zu hübschen, jungen Frauen. Dass er ein Faible für englischsprachige Damen hat, hilft ihm. In der deutschen Hauptstadt lassen sich über Tinder nach wie vor mehr kürzlich zugezogene amerikanische, britische und australische Nutzer und Nutzerinnen finden. „Ich will nicht sagen, dass es unmöglich ist, die Frau fürs Leben mit Tinder zu finden. Für sehr realistisch halte ich es aber gleichzeitig auch nicht“, ergänzt Christian.
Alternativen mit diversen Vor- und Nachteilen bzw. zusätzlichen Features für die etwas konkretere Partnersuche gibt es wie Sand am Meer. Ganz vorne mit dabei das deutsche Lovoo, das sogar älter als Tinder ist und, entsprechend der Herkunft hauptsächlich von deutschen Nutzern gebraucht wird. Super spannend und deutlich indirekter ist auch Snoopet, das voll auf den Hund als Flirthelfer setzt. Vor dem Gassigehen können HundeführerInnen einchecken, populäre Strecken in der Umgebung suchen und sehen, wer auf diesen unterwegs ist. „Rein zufällige Treffen“ lassen sich so wunderbar inszenieren.
Wer für Tinder selber keine Verwendung hat, kann sich dennoch vom Produkt unterhalten lassen, beispielsweise durch zahlreiche amüsante YouTube-Videos zum Thema. Unsere persönliche Empfehlung: „Grandfather goes on Tinder dates.“ Und falls es mal wieder nicht hat sein sollen mit der Beziehung, hilft die App Killswitch dabei, alle Spuren der/des Ex auf dem eigenen Facebook-Profil in kürzester Zeit verschwinden zu lassen.

 

Von J1T zum GE-Reporter

Jeder Sportinteressierte dürfte schon einen Artikel von Mike ­Notermans im GrenzEcho gelesen haben. Den ersten schrieb der Eupener vor knapp zwei Jahren, denn 2013 machte Mike bei der GrenzEcho- und BRF-Aktion „Journalist für einen Tag“ (J1T) mit. Jetzt sitzt er täglich in den Räumen der Redaktion am Eupener Marktplatz, als fester GE-Reporter.
Von Mario Vondegracht
mike

Mike Notermans vor zwei Jahren im Gespräch mit Fußballprofis der AS Eupen. Sein Artikel zum Projekt der “Aspire Academy” landete schließlich sogar auf Seite 1 der GE-Tagesausgabe. Archivfoto: David Hagemann

Alles hatte damit angefangen, dass Mikes Lehrer im Abi­turjahr des Königlichen Athenäums Eupen sich wieder für die J1T-Woche beworben hatten. „Ich war gespannt darauf, den Alltag einer Redaktion kennenzulernen“, erinnert sich Mike heute. Damals wurde ihm und seinem Kumpel Pierre Nyssen die Rolle des Chefredakteurs zugeteilt. „Im Nachhinein“, so der 22-Jährige, „war das ein sehr stressiger Job“. Und dabei haben die Schüler an einem Arbeitstag nur einen recht kleinen Teil der Zeitung füllen müssen. „Viele der Artikel, die am nächsten Tag erscheinen sollten, wurden erst im späten Nachmittag fertig“, weiß Mike noch gut. Der Jungjournalist lacht, als er erzählt, dass die schwierigste Aufgabe gewesen sei, die Texte der eigenen Freunde zu streichen bzw. jene den ganzen Tag herum zu kommandieren, „ohne dabei gleich einen Streit vom Zaun zu brechen“. Mike hat allerdings auch selber Texte für die vier Seiten starke Mini-Zeitung geschrieben, die im Innenteil des normalen GrenzEcho erschien. „Ich habe mich im Zuge meiner Endarbeit über das katarische Projekt ‚Aspire Football Dreams‘ mit zwei Fußballprofis der AS Eupen getroffen und ihre Geschichte erzählt. Die Story muss ganz gut angekommen sein und landete am nächsten Tag als Aufhänger auf Seite 1 der Tagesausgabe“, sagt Mike nicht ohne Stolz. Der Job des Journalisten reizt Mike schon lange. Vor allem Sportthemen liegen dem Eupener. „Im Laufe meiner Schulzeit habe ich gemerkt, dass mir das Schreiben ganz gut liegt und vor allem Spaß macht.“ Mit seinem besten Freund Jens Leys („der als Fanbeauftragter der AS Eupen übrigens eine hervorragende Arbeit verrichtet“) hat Mike im Alter von 17 Jahren eine Internetseite für AS-Fans ins Leben gerufen. Dadurch wurde die damalige Vereinsführung der AS unter Ingo Klein auf Mike und seinen Kumpel aufmerksam. Mike erinnert sich: „Während beinahe zwei Spielzeiten durften wir die Mannschaft dann begleiten und haben für die AS-Webseite geschrieben. Insbesondere die Auswärtsfahrten, bei denen wir wegen unseren fehlenden Akkreditierungen nie wussten, ob wir ins Stadion kommen oder nicht, waren immer lustig.“ Doch wie führte sein Weg nach der Teilnahme an J1T zum GrenzEcho? „Ich hatte eigentlich nach dem Abitur geplant, eine Ausbildung als Medienkaufmann zu starten. Da ich aber im Endeffekt keine passende Stelle gefunden habe, habe ich mich ein Jahr lang als freier Mitarbeiter durchgeschlagen und eine Lehre im Baubetrieb meines Vaters angefangen“, schildert Mike seinen beruflichen Werdegang. Vor allem die Zeit als freier Mitarbeiter hat ihm die Türe zum Grenz­Echo geöffnet. Nach „Journalist für einen Tag“ ist er mit der GE-Redaktion in Kontakt geblieben. „Irgendwann hatte ich mich dann als freier Mitarbeiter beworben und wurde relativ schnell ins Boot geholt“, so Mike. Durch eine freie Stelle aufgrund einer Schwangerschaftsvertretung ist Notermans jetzt seit Anfang des Jahres als Redakteur beim GrenzEcho fest angestellt. Doch was ist eigentlich so spannend an dem Beruf? Mike antwortet: „Die Tatsache, dass man oft neue Sachen sieht und kennenlernt. An viele Personen oder Informationen würde man ja sonst überhaupt nicht herankommen.“
Zur Info: Wer Fragen an Mike hat, kann sich jederzeit (Mail: mnotermans@grenzecho.be) bei ihm melden.

Hintergrund Was ist J1T?

● Die Aktion „Journalist für einen Tag“ (J1T) knüpft an eine gleichnamige internationale Veranstaltungsreihe an, die einst sehr erfolgreich landes- und europaweit Schüler für einen Tag an den Beruf des Journalisten herangeführt hat.
● Seit 2009 lassen das GrenzEcho und der BRF diese Reihe in der D­G wieder aufleben.
● Während einer Woche schlüpfen die Schüler aus fünf Schulen an jeweils einem Tag in die Rolle eines Journalisten, Redakteurs, Fotografen, Kameramanns …
● Die Schüler recherchieren die Themen selbst, sie berichten über das, was sie bewegt und interessiert. Aufwändigere Recherchen oder Interviews werden im Vorfeld erledigt.
● Am Tag selbst produzieren die Schüler, behalten die aktuellen Geschehnisse im Blick, gehen zu Pressekonferenzen und vieles mehr. Dabei werden sie von Journalisten und anderen Fachkräften begleitet.
● Am Abend stellt jedes Team den Kollegen die Arbeit vor. Gemeinsam werfen die J1Tler einen Blick ins GrenzEcho von morgen, sehen den Bericht im BRF-Blickpunkt, hören die Beiträge in BRF-Aktuell und blicken mit der Internetredaktion (www.j1t.be) auf den Tag zurück.
● Eine der spannendsten Aufgaben ist, die vier Medien unter einen Hut zu bringen: Gegenseitige Werbung und Hinweise auf die ergänzenden/anderen Informationen im TV, Radio, Internet und der Zeitung.
Die Aktionswoche startet am 2. und dauert bis zum 6. März.